Totholz Kapitel 3

Kapitel 3


Die Schatten der Häuser des kleinen Dorfes Kraic wurden immer länger, und der Himmel zauberte mit seinen zarten Pastelltönen eine falsche, friedliche Idylle.
Kaum einer hatte bis vor kurzem noch daran geglaubt dass in ihrem Dorf einst wieder das turbulente Leben stattfinden würde, wie es für einen Handelsumschlagpunkt typisch war. Auch wenn die Winter immer etwas Ruhe mit sich brachten, so hatte es doch nie eine solch gespenstische Stille gegeben, wie sie nun Einkehr gehalten hatte.
Viele überlegten sich dem Verbot zu widersetzen, das Dorf zu verlassen, und ihr Glück in der Fluch zu suchen. Aber alle waren sich bewusst dass dieses Vorhaben sie geradewegs in den sicheren Tod führen würde. Niemand in den Dörfern und Städten ringsum würde sie aufnehmen. Man munkelte hinter hervor gehaltener Hand, dass nicht die Wälder um Kraic herum allein verflucht waren, sondern ebenso seine Bewohner.
Ironisch grinste das Schicksal fast hämisch auf die Menschen in diesem Dorf hernieder. Würden sie gehen, würden sie sicherlich erfrieren, doch wenn sie hier blieben, würden sie eines Tages verhungern wenn sich das Blatt nicht bald wendete.
Seit der vergangenen Nacht aber machte sich zum erstem Mal seit so vielen Monaten wieder ein Funken Hoffnung breit. Der Jäger Fisk hatte eine Frau vor den dunklen Kreaturen des Waldes gerettet. Man wollte glauben er könne sie wirklich von ihrem Fluch erretten. Sie befreien, und das Leben zurück nach Kraic bringen.
Nicht jeder aber sah in ihm eine Gestalt des Erlösers.

Der Waidmann legte sein Schwert im Stroh neben seinem Begleiter Veldig ab. Noch einmal drückte er mit beiden Händen seine massiven Kiefer auseinander um einen prüfenden Blick in dessen Rachen zu werfen. Veldig gefiel dieses Behandlung nicht im geringsten, aber man biss schließlich nicht in die Hand die einen fütterte, und da diese Hände dies eben noch getan hatten, blieb er geduldig liegen. Es hätte ihn kaum Kraft gekostet sich gegen die Hände seines Herren zu wehren, sein Kiefer war eines der gefährlichsten Dinge an seinem Körper. Gleich neben den zwei Hörnern auf seiner Stirn, die lang genug waren um einen Menschen ohne Probleme aufzuspießen.
„Alles in Ordnung, mein Freund. Das Blut der Wurzelhexe hat keinen Schaden angerichtet.“ Gerade als sich Fisk wieder erheben wollte, hörte er ein leises Geräusch hinter sich.
Den Finger am Abzug seiner Armbrust richtete er sich auf, und drehte sich in Richtung der offenen Stalltür. In seinem Kopf rechnete er sich seine Chancen aus, würde jemand ebenfalls auf ihn zielen, wäre er schnell genug seine Waffe zu ziehen, zu zielen und dann noch abzudrücken?
Bevor er aber seinen Gedankengang zu Ende bringen konnte, erblickte er die Silhouette eines Kindes im Türrahmen und ließ den Finger um den Abzug wieder locker.
Tobias stand mit erstarrter Miene einige Meter von ihm fort und schenkte dem Waidmann keine Beachtung. Sein Blick hatte sich auf Veldig gerichtet und jede Farbe in seinem Gesicht war verschwunden.
Fisk wandte sich wieder seinen Vorbereitungen zu, und packte in die kleine Tasche die er mit sich nehmen würde, noch ein wenig Proviant. Es würde eine lange Nacht werden.
Endlich hatte Tobias seinen Mut wiedergefunden und tastete sich langsam an der Wand aus Holz, weiter an den Jäger und dessen Begleiter heran. „So etwas habe ich noch nie gesehen. Was ist es?“
Fisk atmete lange durch die Nase aus und beschäftigte sich weiter mit dem Packen seiner Tasche, er war kein Freund von Kindern, und schon gar nicht von welchen die auch noch dumme Fragen stellten. Als die Stimme in seinem Rücken eine Weile lang schwieg, erhob er widerwillig doch das Wort. In seiner dunklen Stimme war deutlich zu hören dass er leicht genervt war. „Was ist was? Redest du von einem Gegenstand?“
Tobias schluckte so laut das Fisk es hören konnte „Nein. Ich meine Euer Tier. Ich habe noch nie so ein Wesen gesehen! Was ist es?“
Fisk leckte sich langsam über die Unterlippe und band die letzte Schnalle seiner Tasche zu. „Veldig ist ein Hyna. Hynas kommen weit im Süden vor, fern der Grenzen von Siont. Schon mal was von den Schlafenden Riesen gehört?“
Tobias überlegte und traute sich noch ein paar Schritte weiter heran, dann durchfuhr ihn plötzlich die Erinnerung. Sein Herz klopfte schneller als das Bild seines Vaters vor seinem inneren Auge auftauchte. „Ja! Die Schlafenden Riesen! Mein Vater erzählte mir von diesem Land. Man nennt es so, weil die Berge dort so hoch sind, dass sie fast den Himmel berühren. Und weil ihre Form so aussieht als hätten sich Riesen auf den Rücken zum schlafen gelegt. Man soll ihre Gesichter sogar erkennen!“
Über die finsteren Züge des Waidmanns huschte ein Lächeln. Langsam erhob er sich und befestigte seine Reisetasche an Veldigs Sattel. „Richtig, mit etwas Fantasie kann man in der Form der Berge wirklich Gesichter erkennen. Die Landschaft dort ist sehr abwechslungsreich. Es gibt viele Seen, Wälder und breite Graslandschaften. Dort traf ich einst auf Veldig. Und wie das Schicksal es so wollte, begleitet er mich seitdem auf meinen Reisen.“
Tobias machte große Augen und blieb schließlich gut zwei Meter von den Beiden stehen. Das war eindeutig nah genug.
Fisk schnallte sich sein Schwert auf den Rücken, dann war er bereit. So bereit man nur sein konnte sich nachts in einem Wald herum zu treiben, der von dunklen Gestalten heimgesucht wurde.
Tobias sah dem Waidmann zu wie er die letzten Vorkehrungen für seine Aufgabe traf, und verschränkte immer wieder nervös seine Finger ineinander. Dann fasste er all seinen Mut zusammen, und sprach das aus, weswegen er überhaupt an diesen Ort gekommen war. „Nebeljäger. Ich hörte wie Ihr mit meiner Mutter über die Toten im Wald spracht. Ist es wahr? Wandelten dort wirklich tote Männer umher?“
Fisk zog die letzte Schnalle seines Schwertes fest und setzte sich seinen Hut auf. Unter der Krempe starrten zwei blaue Augen düster zu dem Jungen herüber. „Du hast gelauscht?“
Tobias zuckte zusammen, suchte händeringend nach einer guten und plausiblen Ausrede, doch die Zeit war zu knapp als dass er eine hätte finden können. „Es tut mir leid, ich...“
Fisk brachte ihn mit einer barschen Handbewegung zum schweigen und gab Veldig ein Zeichen, woraufhin sich dieser erhob, um sich das Stroh aus dem Fell zu schütteln.
„Mir ist das egal, für deine Erziehung sind andere zuständig. Ja, ich sah die ruhelosen Toten. Warum fragst du?“
Tobias ballte seine Hände zu Fäusten, eine Handlung die den kleinen, scheuen Jungen direkt in ein anderes Licht rückte, denn sie war begleitet von einem festen Blick. „Wenn ihr einen Mann seht, der einen Gürtel mit Werkzeugen, die man zum Schnitzen von Holz benötigt, um seine Hüften trägt, dann bitte ich Euch, es mir zu sagen!“
Fisk sah den Jungen einen Augenblick lang abschätzend an, dessen Fassade, die Stärke heucheln sollte, bereits zu bröckeln begann. Seine kleinen Fäuste zitterten, und an dem Beben seiner Unterlippe war deutlich zu erkennen, dass er mit seiner Fassung rang. „Dein Vater?“
Tobias nickte und senkte den Blick zu Boden, die ersten Tränen benetzten die umher liegenden Strohhalme. „Auch uns erzählte man die Geschichte, man hätte ihn auf ein Boot gebracht und auf dem Meer ausgesetzt wo er gute Chancen hätte auf einem anderen Stück Land zu stranden, und dort ein gutes Leben führen zu können. Aber ich glaube davon kein Wort! Mein Vater und ich haben jede Minute zusammen verbracht! Kurz nachdem man ihn in den Wald brachte, da spürte ich mit einem Mal so eine tiefe Leere! Sie ist immer noch da! Ich weiß einfach dass Vater tot sein muss!“ Die Schultern von Tobias bebten, er wollte seine Gefühle bändigen, aber die Tränen flossen erbarmungslos an seinem Gesicht hinab.
Fisk seufzte leise und antwortete in einem ruhigen Tonfall, welcher schon fast freundlich hätte wirken können. „Wenn ich jemanden mit solch einem Gürtel sehe, wirst du es erfahren.“
Eilig wischte sich Tobias ein paar Tränen aus den Augenwinkeln und blickte zu dem Waidmann auf. „Diesen Gürtel würde mein Vater niemals ablegen! Das Schnitzen war seine Leidenschaft und ich habe viel von ihm gelernt! Er trug ihn an dem Tag, als er aufbrach.“
Fisk nickte ihm zu, als Zeichen dass er sich an seine Worte halten würde, dann durchquerte er mit ein paar wenigen Schritten den Stall und trat mit seinem treuen Begleiter in die kalte Nacht des Abends hinaus. Noch bevor er die Grenze des Waldes erreicht hatte, war das Licht bereits so weit gewichen, dass die finstere Nacht nur noch wenige Augenblicke auf sich warten lassen würde.

Der Waidmann ging mit langen, aber ruhigen Schritten den breiten Pfad durch den Wald entlang. Konzentriert lauschte er auf jedes Geräusch, doch die einzigen die er vernahm, kamen von ihm. Es war so leise, dass er das Knistern seines Atems in der kalten Luft hören konnte.
Obwohl er dieses Mal die Schatten im Unterholz nicht ausmachen konnte, die ihn einst beobachtet hatten, hatte er dennoch das Gefühl dass unentwegt Blicke auf ihn gerichtet waren.
Wieder konzentrierte er sich auf sein Schwert, welches er auf seinem Rücken befestigt war. Es summte nicht wie das letzte Mal als er diesen Wald betreten hatte. Dass das Summen ausblieb war keineswegs eine Garantie dafür dass sich niemand in seiner Nähe befand, sondern lediglich dafür dass es keine Wesen der Dunkelheit waren.
Vorsichtig zog er eines der kleinen Fläschchen, welche er an einem Riemen über der Brust befestigt hatte, aus seiner Halterung. Mit dem Daumen schob er den Korken auf und schüttete sich den Inhalt im Ganzen die Kehle hinab.
Fisk blinzelte einige Male, dann hatten sich seine Augen an die immer weiter voran schreitende Finsternis gewöhnt und er konnte mindestens genauso gut sehen wie sein Begleiter.
Zwei weitere dieser kleinen Fläschchen besaß er noch, genug für zwei weitere Nächte. So lange beabsichtigte er allerdings nicht an diesem Ort zu bleiben. Seine Jagd sollte in dieser Nacht ihr Ende finden, denn er wollte sein Winterquartier erreichen bevor der Schnee ihm bis zu den Knien reichte.
Plötzlich setzte es ein. Das Summen auf seinem Rücken. Seine Augen suchten das Unterholz ab, huschten aufmerksam hin und her, doch sie machten keine Bewegung aus. Selbst Veldig, dessen Nase kaum jemand das Wasser reichen konnte, hatte scheinbar noch nichts gewittert. Ruhig schritt er dicht an der Seite des Waidmanns daher.
Das Summen auf seinem Rücken nahm zu, etwas musste sich ganz in seiner Nähe befinden. Fisk verharrte an Ort und Stelle. Seine Ohren schmerzen vor Anstrengung, er vernahm ein ganz leises Schlurfen in der Ferne. Die Augen weit aufgerissen drehte er sich einmal im Kreis, untersuchte jede Baumkrone, jeden Busch, jeden Baumstamm, doch konnte er nichts auffällig erkennen. Die Situation gefiel ihm nicht.
Der Wald war gut bewachsen zu beiden Seiten des Pfades, dicke und dünne Baumstämme der verschiedensten Arten standen nah beieinander, jedoch war dieser Wald nicht so dicht, dass man sich unerkannt an ihn heran schleichen konnte. Zwischen den Bäumen war so viel Platz dass man schon einige große Schritte tun musste, um von einem Versteck zum anderen zu huschen.
Fisk verengte seine Augen zu schmalen Schlitzen und ging langsam den Pfad weiter entlang, immer tiefer hinein in die Dunkelheit des Waldes, begleitet von dem Summen seines Schwertes.
Er konzentrierte sich auf das schlurfende Geräusch, und näherte sich ihm vorsichtig. Dafür musste er seinen sicheren Pfad verlassen. Farne und kleine Sträucher streiften seine Beine. Hölzer und gefrorenes Laub knackten unter seinen Füßen.
Vor sich entdeckte er die Umrisse einer Grube im Boden, aus ihr stammte das Geräusch. Vorsichtig pirschte er sich an die Grube heran, um über dessen Rand einen Blick hinein erhaschen zu können.
Tief war das Loch nicht, zwei Meter mochten es sein, vielleicht einen Meter mehr in Breite und der Länge. Als er nah genug an der Grube war, um einen Blick hinein zu werfen, entdeckte er einen Mann am Boden von dieser. Er musste sich vor einer Weile die Beine gebrochen haben, vielleicht als er in dieses Loch stürzte, denn diese schleifte er wie einen Fremdkörper hinter sich her. An den Rändern der Grube konnte Fisk Kratzspuren ausmachen, scheinbar hatte er ohne Erfolg wieder versucht aus seinem ewigen Grab hinaus zu kommen.
Leere, vertrocknete Augenhöhlen blickten zum Waidmann auf. Lange schon musste das Leben aus diesem Mann gewichen sein, denn auf seinem Haupt befanden sich nur noch ein paar spärliche Reste seines Haars, und sein Fleisch hatte sich soweit zurück gezogen dass man auf sein blankes Gebiss schaute.
Als der Tote seinen Mund öffnete, drang ein leises, dunkles Stöhnen hinaus. Mühsam drehte er sich in der engen Grube und versuchte an dem Ende wo Fisk stand, hinauf zu kriechen. Doch seine Beute war unerreichbar fern.
Gerade als Fisk sich wieder aufrichtete, begann Veldig zu knurren und warf seinen Kopf über die Schulter. Zu spät. Etwas hartes prallte gegen Fisk. Es riss ihn von den Füßen, und bevor er verstand was gerade geschah, stürzte der Waidmann hinab in die Grube. Jemand hielt seinen Körper fest umschlugen, jemand der so kalt war wie die eisige Winterluft selbst.
Der Körper des Toten in dem Erdloch dämpfte den Sturz etwas ab, dennoch presste der Balast der zweiten Person, Fisk den Atem aus den Lungen. Unter ihm brachen Knochen, zum Glück nicht seine eigenen, doch er spürte wie die Knochensplitter schmerzhaft in seinen Rücken drückten.
Er blinzelte seine Benommenheit fort und stemmte sich mit beiden Händen gegen seinen Angreifer, erst jetzt erkannte er ihn. Eine Wurzelhexe musste ihm aufgelauert sein, hatte gewartet bis der Augenblick günstig war, und die Aufmerksamkeit des Jägers auf etwas anderem gelegen hatte.
Ihr Zahnloses Grinsen überzog ihr altes Gesicht, sie gackerte hämisch vor Freude und versuchte ihre langen, gelben Fingernägel in seine Augen zu Bohren. Ihr Atem stank nach fauligem, nassen Holz. Fisk gelang es ihre Handgelenke mit beiden Händen zu umfassen, bevor sie ihn blenden konnte. Die Spitzen ihrer Nägel waren nur wenige Zentimeter von seinen Augen entfernt, sie versuchte mit aller Kraft sie hinunter zu drücken.
Für ein altes Weib hatte sie eine unsagbare Kraft, Fisk ächzte vor Anstrengung. Neben ihm schob sich etwas in sein Gesichtsfeld. Leere Augen starrten ihn an. Blanke Zähne entfernten sich voneinander, und ein stechender Verwesungsgestank mischte sich unter den Geruch der Hexe.
Bevor sich die Zähne in das weiche Fleisch des Waidmanns graben konnten, drehte Fisk seinen Kopf weit zur Seite. Der Untote würde auch seine blanke Kehle nicht verschmähen und riss seine Kiefer noch weiter auf. Die dünne Haut riss unter der Spannung und gab noch mehr seines Kiefers frei.
Mit aller Kraft wuchtete Fisk seinen Kopf wieder auf die andere Seite und gab dem Toten eine Kopfnuss, die seinen morschen Schädel zum bersten brachte.
Eine Hand der Wurzelhexe drückte seinen Griff zu Boden, ihre Nägel streiften noch seine Wange und hinterließen ein feines Rinsaal Blut. Über ihm bellte Veldig nervös, fletschte die Zähne und versuchte immer wieder nach der Wurzelhexe zu schnappen die seinen Herren angriff.
Fisk war von der Kopfnuss, die einen seiner Angreifer endgültig getötet hatte, selbst total benommen. Die Konturen des Gesichts über ihm verschwammen zu undeutlichen Linien.
Die Wurzelhexe richtete sich mit ihrem Unterleib so weit auf, dass ihre Füße beide fest auf dem Boden standen, sie verlagerte ihr Gewicht so weit nach vorn dass Fisk noch mehr Mühe hatte, ihre Krallen bei einem weiteren Angriff fern zu halten. Aus dem Mund der Hexe drangen unverständliche Laute, ihre Zehen drückten sich noch fester auf den gefrorenen Boden. Fisk merkte augenblicklich dass die Erde um ihn herum begann sich zu bewegen. Ganz so als würde eine ganze Schar Würmer unter ihm erwachen und versuchen an die Oberfläche zu gelangen.
Der Boden um ihn herum begann aufzubrechen und kleine Wurzeln schlängelten sich unter größter Anstrengung in die Höhe. Ein paar Worte der Hexe, und die Wurzeln begannen sich auf Fisk zu zubewegen. Die Hexe gackerte vor freudiger Erregung als die Wurzeln ihn erreicht hatten und sich um seine Gliedmaßen legten. Mehr noch, sie wanderten über seinen Oberkörper und dem Waidmann wurde bewusst, was die Hexe beabsichtigte. Feste drückten sich die Wurzeln auf seine Kleidung, suchten einen Weg hindurch, suchten einen Weg zu seiner Haut, dem geringsten Widerstand bis sie sich in sein Innerstes graben konnten.
Fisk wollte es nicht so weit kommen lassen. Die Hexe hatte durch ihre Verlagerung seine Beine frei gegeben. Der Waidmann nutzte die Gelegenheit und zog sie so weit an, bis er seine Füße unter ihrem Magen wusste. Langsam klärte sich auch wieder sein Blick und er konnte am oberen Grubenrand noch immer Veldig erkennen, der nicht aufgab und versuchte die Hexe mit seinen massiven Kiefern zu erreichen.
Fisk legte all seine Kraft in seine Beine, und unter einem Aufschrei der Anstrengung, streckte er sie aus, und schleuderte die Hexe über sich in die Luft. Unter ihren Fußsohlen hatten sich kleine Wurzeln gebildet, welche bei dem heftigen Ruck aus dem Erdreich gerissen wurden. Es war des Waidmanns Glück gewesen dass der Boden so hart gefroren war, denn sonst hätte er genau so gut versuchen können einen Baumstamm mit bloßen Händen heraus zu reißen.
Kreischend wurde die Hexe in die Höhe geschleudert, nicht weit, aber es reichte gerade aus, dass Veldig einen ihrer rudernden Arme zu fassen bekam.
Ohne Mühe gruben sich seine spitzen Zähne in das harte Fleisch, mit einer Pfote schlug er nach ihrem Brustkorb und fixierte sie so am Rand der Grube. Wütend und kreischend versuchte sie mit ihrem freien Arm nach der Bestie zu schlagen.
Die Wurzeln um Fisks Körper hatten augenblicklich ihr Leben verloren und hielten ihn nicht länger in seiner Gewalt. Mit einem Ruck war er wieder auf den Beinen und zog surrend sein Schwert.
Bevor die Wurzelhexe Gelegenheit hatte ihren Kopf zu dem Waidmann zu drehen, hatte er ihn mit einem Schlag sauber von ihren Schultern abgetrennt. Polternd rollte er zwischen seinen Beinen hindurch und blieb an den Überresten des Untoten liegen, den er bei seinem Sturz zerschlagen hatte.
Veldig gab den leblosen Körper der Wurzelhexe wieder frei, und richtete sich am Rand der Grube stehend, stolz zu seiner vollen Größe auf.
Fisk holte noch ein paar Mal tief Luft und betrachtete den Boden seines Gefängnisses, als wollte er sicher gehen, dass sich auch niemand mehr rührte. Langsam schob er sein Schwert wieder zurück in die Scheide, mit leichter Besorgnis stellte er fest, dass es noch immer summte.
„Veldig geh ein paar Schritte zurück.“ Sein Begleiter gehorchte. Fisk stellte sich mit dem Rücken in eine Ecke der Grube und richtete seinen Blick konzentriert auf die ihm gegenüberliegende Seite. Dann stürmte er los.
Viel Anlauf konnte er nicht nehmen, aber es musste reichen. Er sprang ab, stieß sich mit einem Fuß an der Wand der Grube ab, und streckte seine Arme nach dem schräg dazu liegenden Rand aus. Seine Finger bekamen tatsächlich für einen Augenblick lang Halt, er versuchte sich so schnell wie möglich hinauf zu ziehen. Seine Unterarme lagen bereits auf dem Waldboden auf, er musste sich nun nur noch in die Höhe ziehen. Seine Füße rutschten immer wieder von der glatten Wand der Grube ab, langsam zog ihn sein Gewicht wieder zurück. Ächzend vor Anstrengung wollte er sich dagegen wehren, versuchte weiter sich hinauf zu kämpfen, dann endlich hatte sein Begleiter erbarmen. Veldig trat ruhig an den Waidmann heran und nahm behutsam den Gurt zwischen seine Zähne, mit dem er sein Schwert auf dem Rücken befestigt hatte, und zog den zappelnden Menschen hinauf.
Fisk hatte es eilig wieder auf die Beine zu kommen, klopfte sich den Dreck von der Kleidung und pflückte noch ein paar Wurzeln ab die sich an ihm verheddert hatten. Nachdem er seinen Hut wieder gerichtet hatte, warf er Veldig einen strengen Blick zu und tätschelte sein Haupt. „Gut gemacht mein Freund. Aber dass ich etwas meine Kondition verloren habe, davon erfährt niemand. In Ordnung?“ Veldig schnaubte als habe er verstanden, dann machten sich die beiden wieder auf den Weg.
Fisk setzte seine Reise erst einmal auf dem Pfad weiter fort, er wusste nicht wie groß der Wald war, noch wo er seine Suche beginnen sollte. Alles was er wusste war, dass es eine Ursache für einen tief verwachsenen Fluch an diesem Ort geben musste wenn so viele Wurzelhexen hier ihr Unwesen trieben. Drei Stück hatte er bisher gesehen, und dabei war er nicht einmal tief in das Herz des Waldes eingedrungen. Ein schlechtes Zeichen, denn Wurzelhexen waren sehr selten.
Etwas riss ihn aus seinen Gedanken. Ein dunkles Stöhnen. Schatten bewegten sich langsam durch das Unterholz. Fisk ging zusammen mit Veldig hinter einem breiten Baumstamm in Deckung. In einiger Entfernung sah er eine Gruppe Männer durch den Wald marschieren, Sieben an der Zahl. Alle tot und ruhelos.
Die Augen zu schmalen Schlitzen verengt, versuchte Fisk die Männer genauer zu betrachten, doch leider ermöglichte ihm der Trank nur in der Nacht zu sehen wie am Tage, nicht aber zu sehen wie ein Adler. Seine Augen waren gut, sonst hätte er auch als Jäger versagt, aber die Männer waren einfach zu weit fort. Er konnte nur erahnen dass manche von ihnen schon länger tot sein mussten als die anderen. Sie waren magerer, und ihre Schritte ließen ihre Körper hin und her schwanken. Die meisten aber hatten mehr Ähnlichkeit mit gewöhnlichen Spaziergängern.
Seine Finger angelten nach der Armbrust. Im Moment würden sie ihm vielleicht keine Bedrohung sein, aber zumindest von ihrem Leid konnte er sie befreien.
Ein heftiges Summen hinter ihm brachte ihn von seinem Vorhaben ab. Sein Schwert reagierte auf eine nahe und sehr starke Präsenz. Tiefe Atemzüge brachten die Luft vor ihm zum Knistern als er sich langsam herum drehte. Niemand war da.
Veldig stellte seine Ohren auf. Das Fell auf seinem Rücken sträubte sich leicht. Plötzlich bemerkte Fisk einen schwachen, grünlichen Schimmer im Dickicht des Waldes. Noch einmal blickte er zu den wandelnden Toten, doch sie entfernten sich immer weiter von ihm.
Langsam erhob er sich, schlich durch das Unterholz, immer weiter in die Nähe des grünen Leuchtens. Darauf bedacht, kaum einen Laut von sich zu geben, fragte er sich wieso. Viel gewisser schien ihm zu sein, dass irgendetwas genau wusste wo er sich befand. Dass es ihn beobachtete. Jetzt vielleicht sogar zu sich lockte. Das Schwert verriet ihm dass er und Veldig nicht alleine waren, auch wenn es sich bisher nicht zu erkennen gegeben hatte, glaubte er, dass der Augenblick bald gekommen sein musste.
Das gefrorene Laub unter seinen Füßen knirschte leise. So leise dass ein normales Tier nichts von seiner Pirsch mitbekommen hätte. In all den Jahren als Nebeläger war dies eine der ersten Lektionen die er gelernt hatte. Sich in möglichst vollkommener Stille zu bewegen. Es kam vor, dass sein Leben davon abhing.
Ihm war, als entferne sich das Schimmern immer so weit, wie er ihm näher kam. Kein Schritt brachte ihn näher heran. Jemand lockte ihn, spielte sein Spiel mit ihm. Fisk spielte mit, hoffte nach seinen eigenen Regeln. Seine Umgebung suchte er unaufhörlich ab, doch bis auf das Schimmern, war er von einer trügerischen Idylle eines winterlichen Waldes umgeben.
Trotz des Frostes wurde der Boden unter seinen Füßen weicher. Ein Teppich aus Moos ebnete ihm den Pfad durch das Gehölz. Dann war er gekommen, der Augenblick an dem das grünliche Licht eine Stelle erreicht hatte, an der es verweilen mochte.
Ein leichtes Flackern ließ es mal stärker, mal schwächer wirken. Umringt von Moos und ein paar vereisten Farnen, schwebte es nur eine handbreit über einem zersplitterten Baumstumpf.
Aus Veldigs Kehle drang ein leises Knurren, Fisk blieb einige Meter von dem Licht entfernt stehen. Nichts geschah. Schritt um Schritt näherte er sich langsam dem Baumstumpf.
Plötzlich sank das Licht hinab auf das verrottende Holz, des Waidmanns Füße verharrten still. Wie ein Wassertropfen, so versickerte das Leuchten. Kaum war es verschwunden, begann das Holz sich zu regen. Kleine Splitter lösten sich, fielen Stumm auf das vereiste Moos. Knackend brach der Stamm in Zwei, ein Haarschopf drückte sich langsam aus dem Riss heraus. Es machte sich Platz, der Spalt wurde größer und auf einen Kopf folgten nackte Schultern. Eine Frau schälte sich aus dem Stamm heraus, ihr Gesicht war verborgen hinter einem Schleier grünen, verfilzten Haares. Ihr Körper war vollkommen unbekleidet, nur hier und da schlängelten sich feine Ranken um sie.
Bis zu ihren Knien wuchs die weibliche Gestalt aus dem alten Baumstumpf heraus, der Rest von ihr schien mit dem Holz verwachsen zu sein.
„Ihr gehört hier nicht hin. Mischling.“ Knirschend rollte ihr Kopf über eine Schulter, bis in ihren Nacken, und dann zu ihrer anderen Schulter. Wirre Strähnen fielen in ihr Gesicht, die Lippen waren dunkel, wie ihre seelenlosen Augen. Zwei schwarze, matte Abgründe.
„Wie es aussieht bin ich allerdings hier, Waldnymphe. Richtig?“ Fisk lockerte mit kreisenden Bewegungen seine Schultern. Ganz unauffällig ließ er anschließend seine Hand nahe des Griffes seiner Armbrust ruhen.
Was sie war wusste er ohne Zweifel, es war nicht das erste Mal dass er einer Waldnymphe begegnete. Gestern aber waren ihre Augen viel mehr von Leben durchflutet. Sie wirkten wie klare, wunderschöne Edelsteine die in einem herrlich anzusehenden Gesicht eingefasst waren. Auch sie musste unter dem Fluch leiden, einen Ausweg gab es für sie nicht. Denn Nymphen waren immer an den Ort gebunden, an dem sie lebten.
„Spart Euch Euren Humor, Mischling. Ihr habt an diesem Ort nichts zum lachen. Er will Euch. Er weiß dass Ihr da seid. Und er mag Euch nicht, für dass was ihr seinen Schützlingen angetan habt.“
Fisk dachte über die Worte der Frau nach, meine sie mit den Schützlingen etwa die Wurzelhexen? Soweit es ihm bekannt war, existierten diese dunklen Wesen allein. Niemand konnte sie befehligen, noch eine Art Pakt mit ihnen eingehen, wie es mit anderen Kreaturen der Dunkelheit oder Dämonen üblich war. „Wer ist Er?“
Statt auf seine Frage zu antworten, rollte die Waldnymphe ihren Kopf langsam wieder auf ihre andere Schulter. „Geht. Solange Ihr noch könnt. Wenn Ihr noch weiter an ihn heran tretet seid ihr verloren. Wie wir. Er wird niemals ruhen. Nie wieder.“
Tief zog Fisk die kalte Nachtluft durch die Nase ein und reckte sein Kinn leicht vor. „Ich werde nicht gehen. Sag mir wo ich ihn finde.“
Schweigen trat ein. Die Nymphe starrte ihn lange an, dann richtete sie ihren Kopf wieder in eine gerade Position auf. Ihr Arm hob sich, als wäre sie eine Marionette und der Puppenspieler würde an dem entsprechenden Faden ziehen. „Geht. Das ist die letzte Warnung. Niemand mehr kann Euch schützen. Unsere Mutter stirbt. Und wir mit ihr. Seht. Seht und verlasst diesen Ort solange Ihr es noch könnt.“ Der nackte Körper der Nymphe begann zu zucken und ihre Glieder verrenkten sich in schmerzhafte Winkel. Ihr Körper drängte sich zurück in den Spalt des Baumstammes aus dem sie heraus gekrochen war. Im nächsten Augenblick war sie verschwunden.
Fisk folgte zunächst nur mit den Augen ihrem Fingerdeut. Vor ihn erstreckte sich eine große Fläche aus Moos und erfrorenen Farnen. Hier und da lagen ein paar Äste herum die ebenfalls stark vermoost waren. Etwas Ungewöhnliches fiel ihm nicht auf.
Seine Füße schoben sich weiter, leise knirschte das frostige Moos unter seinen Schuhsohlen. Er suchte die Finsternis des Waldes ab, die kahlen Baumkronen, aber nichts ließ sich finden. Vielleicht hatte sie ihm auch eine Stelle tiefer im Wald gezeigt. Das Knurren seines Begleiters riss ihn aus seinen Gedanken.
Veldig hatte etwas auf dem Boden mit seinem Blick fixiert, vor wilder Erregung peitschte sein Schwanz hin und her. Fisk sah nun ebenfalls was Veldig entdeckt hatte.
Zu seinen Füßen lag eine Gestalt im Moos. So lange schon, dass sie ein Bestandteil des grünen Teppichs geworden zu sein schien. Ihre feinen Gesichtszüge und ein paar wenige Körperteile die aus dem Boden heraus ragten, ließen ihn wissen dass es eine Frau war. Sie glich der Waldnymphe, doch ihr Haar wirkte seidig, nicht verfilzt und in ihren Augen lag noch immer ein kaum erkennbarer Glanz. Ihre Augen starrten in den schwarzen Himmel.
Dicht neben ihr ging Fisk in die Hocke und betrachtete genau ihr Gesicht. Ihre Lippen zuckten leicht, Fühler reckten sich heraus und tasteten blind in die Luft. Ein Käfer krabbelte aus ihrem Mund und huschte davon.
In seinem Leben hatte er viel über die verschiedenen Wesen dieser Welt gelernt, dennoch kannte er sie nicht alle. Waldnymphen hatte er selten einmal zu Gesicht bekommen, aber er hatte keine Ahnung wen sie als Mutter benannten. Was ihm klar wurde, dass diese Frau vor ihm wahrscheinlich so etwas wie die Seele des Waldes sein musste, und es sah nicht gut aus um sie.
Langsam erhob sich Fisk wieder und blickte sich um, vor wem auch immer die Nymphe ihn hatte warnen wollen, er musste ihn schnell finden.
In der Ferne weckte etwas seine Aufmerksamkeit. Vor ihm lichtete sich der Wald ein wenig, und er konnte eine kleine Anhöhe ausmachen. Auf ihrer Spitze ragte etwas in die Luft das aussah wie ein Hausdach. Zumindest war es etwas dass von Menschenhand errichtet worden war.
An der Anhöhe war eine riesige Eiche gewachsen, deren Wurzeln so verwuchert waren, dass sie auf den zweiten Blick wie eine Treppe wirkten. Tatsächlich waren diese Wurzeln die einzige Möglichkeit hinauf zu gelangen und Fisk fragte sich, ob der Baum wirklich nur durch Zufall so gewachsen war.
Oben angekommen, bestätigte sich sein Verdacht. Vor ihm stand eine kleine Hütte, erbaut aus vielen breiten Ästen die man aneinander geschnürt hatte. Das Dach war aus vielen Schichten Geäst der naheliegenden Nadelbäume gedeckt und eine ausgetretene Feuerstelle war unweit des Einganges zu erkennen. Eine Tür war nicht mehr vorhanden, vielleicht auch nie gewesen. Zumindest stand dieses Haus schon eine sehr lange Weile hier und niemand hatte sich darum gekümmert.
Die Verwitterung war weit voran getrieben worden und er entdeckte ein breites Loch im Dach. Veldig hatte sich inzwischen auch die Wurzeltreppe hinauf gemacht und trat dicht an seinen Herrn heran. „Bleib du hier mein Freund.“
Seine Worte besiegelte er durch ein Handzeichen und ging langsam auf den Eingang zu. Etliche Spinnennetze versperrten seinen Weg. Bitter verzog er seinen Mund und umrundete das Haus einmal. Nichts, kein Fenster, kein zweiter Eingang.
Mit einem tiefen Seufzer nahm er all seinen Mut zusammen und zerstörte die Kunstwerke der Spinnen mit seinem Arm. Er versuchte noch sie abzuschütteln, doch die Spuren seiner Tat klebten unauslöschlich an ihm.
Mit einer Hand am Abzug seiner Armbrust wagte er sich hinein und die Dunkelheit der Hütte verschluckte ihn.
Seine Augen brauchten trotz des Elixieres dass er genommen hatte einen Augenblick bis sie sich an die undurchdringliche Finsternis im Inneren gewöhnt hatten. Die Hütte war geräumiger als er anfangs vermutet hatte. Es gab zwei Räumlichkeiten, wobei die kleinere von Beiden fast vollkommen von dem hinabgestürzten Teil des Daches ausgefüllt war. Er konnte noch erkennen dass dies eine Schlafstätte gewesen sein musste. Viel Interessanter aber war für ihn der Raum in dem er sich befand. Überall standen die kuriosesten Dinge herum. An den Wänden waren Bretter befestigt worden auf denen sich unzählige Gläser mit den verschiedensten Inhalten befanden. Käfer, getrocknete Blüten, Pilze, Wurzeln, Samenkörner, Knochen und einige Dinge die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Fisk überlegte, dass es vielleicht auch besser war, wenn er nicht alles kannte.
Sogar einen richtigen Boden aus fein säuberlich zurecht gesägten Brettern gab es. Etwas zu seinen Füßen fiel ihm direkt ins Auge. Direkt im Eingang hatte jemand eine Schutzrune auf die Bretter gemalt. Er kannte das Zeichen, es diente zur Abwehr böser Geister.
An der Decke des Raumes waren verschiedene Pflanzen und Gräser zu Büscheln gebunden, und zum trocken aufgehangen worden.
In den Ecken standen unzählige Kisten, klein und groß, er entdeckte sogar einen Korb mit den fauligen Überresten von Kartoffeln. Alles stand an seinem Platz, es wirkte fast penibel ordentlich wie alle Gläser und sonstiger Kram nach Größe sortiert da standen. Wenn die Witterung dem Inventar nicht so zugesetzt hätte, bekäme man den Eindruck dass jemand nur kurz hinaus gegangen war, und gleich wieder zurück kehrte.
Fisk trat an den breiten Holztisch heran, der ihm gegenüber an der Wand stand. Ein paar Blatt Papier lagen herum, waren jedoch vollkommen unleserlich geworden. Sonst gab es nur noch einen Holzbecher mit ein paar Schreibgeräten. Fisk verspürte Enttäuschung, oftmals hatte er an den merkwürdigsten Plätzen Hinweise gefunden die ihn weiterbrachten. Aber dies schien nur eine alte, verlassene Hütte inmitten eines verdammten Waldes zu sein.
Als er sich abwenden wollte fiel ihm etwas merkwürdiges auf. Leichte Kratzspuren waren auf dem Fußboden zu sehen, genau vor den Beinen des Tisches, so als hätte ihn jemand des öfteren mal verschoben. Fisk runzelte die Stirn und ging in die Hocke, seine Finger fuhren über die glatten Bretter des Bodens. Alles passte perfekt zusammen. Er pochte. Nichts ungewöhnliches.
Er pochte wieder, dieses Mal ein wenig weiter unter dem Tisch. Dieses Mal war es ein hohl klingendes Pochen. Sofort machte sich Fisk daran den gesamten Tisch zu verschieben. An der Wand entdeckte er eine kleine Kerbe im Holz, perfekt um einen Finger hinein zu schieben.
Es brachte ihn zum Schmunzeln als er somit eine kleine Geheimtür im Boden der Hütte öffnen konnte. Eine schmale Treppe, die ins Erdreich gegraben war, führte ihn hinab. Die Stufen waren fester als er gedacht hatte, die Erde hier musste über lange Zeit festgetreten worden sein, sie führten ihn hinab in den Bauch des Hügels auf der die Hütte erbaut worden war.
Als er ein paar vorsichtige Schritte hinunter gegangen war, stieg ihm ein süßlicher Gestank entgegen der ihm den Atem raubte. Er hielt inne. Es war der unverwechselbare Gestank von Verwesung.
Fisk blinzelte und wartete bis sich seine Augen an die vollkommene Dunkelheit gewöhnt hatten. Nur noch ein paar wenige Stufen lagen vor ihm, dann erstreckte sich ein Raum, welcher fast doppelt so groß war wie die gesamte Hütte über ihm.
Wurzeln hingen hier und da von der Decke herab. Der Boden war mit großen Steinplatten ausgelegt. Dann fand er ihn. Jener, der vermutlich diesen Ort sein Zuhause genannt hatte. Ein Mann lag mit dem Bauch auf dem Boden, alle Glieder von sich gestreckt. Sein Haar war grau und stand wüst in alle Richtungen ab. Seine Kleidung bestand lediglich aus einer abgetragenen Leinenkutte und seine Füße steckten in einfachen Lederschuhen. Fisk fühlte sich in seiner Vermutung bestätigt, dass er diese Hütte als das Heim eines Druiden ausgemacht hatte.
Er ging neben dem alten Mann in die Hocke und drehte ihn vorsichtig auf den Rücken. Sein Bart war so lang, dass er ihm bis zu den Knien reichen musste. Seine toten Augen waren weit aufgerissen als läge in ihnen noch immer das Grauen was er zuletzt gesehen hatte. Der Waidmann machte anhand des Zustandes der Leiche und des Madenbefalls aus, dass der Druide ein paar Wochen hier unten liegen musste. Tiefe Furchen zeichneten sich auf Fisks Stirn ab als er den Toten genauer betrachtet. Erst jetzt erkannte er die dunkle Verfärbung der Steine unter ihm. Getrocknetes Blut.
In der Brust des alten Mannes befand sich eine tiefe Stichwunde. Jemand hatte ihm zielgenau in sein Herz gestochen. An seinem Tod war kein Fluch beteiligt gewesen, dieser Mann war durch die Hand eines Menschen umgekommen, nicht durch eine Wurzelhexe oder einen Untoten. Er erinnerte sich an die Schutzrune beim eintreten in die Hütte. Keines dieser Wesen hätte auch nur einen Fuß hinein setzen können. Aber warum hatte es jemand auf einen alten Mann abgesehen der hier inmitten eines verfluchten Waldes lebte? Vor allem, wer war es der sich trotz der Gefahren auf den Weg zu diesem Ort hier gemacht hatte?
Langsam erhob Fisk sich wieder, sein Blick streifte durch den Raum. An den Wänden standen dutzende Regale, doch im Gegensatz zu oben, stand hier nichts mehr an seinem Platz. Alles mögliche war auf dem Boden verteilt worden, ganz als hätte jemand etwas gesucht, oder aus Wut alle Habseligkeiten des Druiden zerstören wollen.
Dutzende Gläser und Phiolen waren zerbrochen und ihr Inhalt verdorben. Fisk konnte nicht mehr viel erkennen, der Trank ermöglichte es ihm in der Dunkelheit zu sehen, aber keine Farben zu unterscheiden. Schriftrollen, Bücher, Knochen, kleine Eidechsen und Kräuter waren überall verteilt.
An einer Wand entdeckte er einen breiten Tisch mit noch mehr zerschlagenen Phiolen, Mörsern und einer kleinen Öllampe. Auch wenn die Gerätschaften zerstört worden waren, Fisk erkannte einige davon wieder, jene die seine Tränke braute, hatte genau die gleichen. Hier hatte der Druide sein kleines, geheimes Alchemielabor geführt.
Vorsichtig schob er seine Fußspitze durch all die Scherben und suchte. Wonach? Das wusste er selbst nicht so ganz. Irgendetwas musste es hier gegeben haben dass den Mörder des Druiden angelockt hatte. Vielleicht war es ja auch schon gefunden worden.
Zwischen all den zerstörten Habseligkeiten fand er nichts von Interesse. Diesen Ort gefunden zu haben, weckte mehr neue Fragen als dass er die Alten beantwortete.
Vielleicht wusste Mina wer der Mann gewesen war.
Fisk wandte sich zum Gehen ab, da hielt er plötzlich inne. Die Wände dieses geheimen Raumes waren mit Brettern verkleidet, eines von ihnen wirkte allerdings vollkommen fehl am Platz. Alle Bretter hatten eine ähnliche Maserung die darauf hindeutete, dass sie alle von einem Baum stammen mussten. Es waren fließende Übergänge die jemand penibel genau aneinander gesetzt hatte. Nur dieses eine Brett war seltsam. Dann erkannte er wieso. Es war verkehrt herum angebracht worden.
Fisk zog sich einen seiner Handschuhe aus und fuhr über das glatte Holz. Er griff nach einer silbernen Verzierung an der Rückseite seines Gürtels den er um die Hüften trug und enttarnte beim herausziehen einen schmalen Dolch. Vorsichtig schob er die Klinge in den Spalt zwischen den Brettern und hebelte somit das falsch eingesetzte Stück heraus. Es fiel ihm förmlich entgegen, so locker saß es in der Wand. Dahinter befand sich ein kleines Fach im Erdreich in dem ein Lederbündel lag. Über seine schmalen Lippen huschte ein zufriedenes Lächeln.
Fisk sah über die Schulter zu dem toten Druiden, wahrscheinlich hatte er seinen Mörder kommen gehört. In der Eile hatte er hier etwas versteckt was nicht gefunden werden sollte, und dabei das Brett verkehrt herum wieder in die Wand gedrückt. Zu seinem Glück.
Der Waidmann nahm das Bündel heraus, es war nicht schwer, und schon bevor er das Leder zurück schlug, hatte er gewusst was sich in seinen Händen befand. Ein Buch.
Abgegriffen, aber dennoch in recht gutem Zustand. Fisk schlug es auf, und betrachtete die erste Seite. Sie war mit einem Datum versehen dass schon mehr als fünf Jahre zurück lag. Es war das Tagebuch des alten Mannes. Vorsichtig blätterte er in dem Buch herum, überflog diesen und jenen Absatz. Die meiste Zeit schrieb er über seine Entdeckungen die mit der Alchemie zu tun hatten, notierte Formeln und Rezepte.
Viele der Dorfbewohner suchten ihn auf, kauften von ihm Salben oder Tränke die ihre Leiden lindern sollten. Eine halbe Seite lang schwärmte er von dem Kuchen der Müllersfrau die sie ihm mitgebracht hatte weil er sie von ihrem lästigen Ausschlag befreit hatte.
Das Buch war fast bis zur letzten Seite beschrieben, nur noch wenige waren leer. Fisk schlug das Buch weiter hinten auf, der letzte Eintrag lag erst vier Tage zurück. Hastig überflog Fisk die eilig geschriebenen Zeilen. Er glaubte kaum was er da las, sein Herz pochte schneller. Ihm fehlte der Zusammenhang, rasch blätterte er einige Seiten zurück und überflog auch diese. Mit jedem Absatz verstand er besser wieso der Druide hatte sterben müssen. Er hatte zu viel gesehen.
Gierig verschlang Fisk die Seiten, doch ein entsetzliches Jaulen riss ihn in das Hier und Jetzt zurück. Sein Herz setzte einen Moment aus, es war der Aufschrei seines Begleiters gewesen. „Veldig!“
So schnell Fisk konnte, hechtete er die Stufen hinauf und stolperte zur Tür der Hütte hinaus. Zwei starke Arme packten den unvorsichtigen Jäger und schlangen sich von hinten um seinen Hals. Fisk keuchte auf und wurde nach hinten gerissen. Seine Augen fingen das Bild vor sich ein. Vor dem Baum, welcher allein auf dem Hügel neben der Hütte thronte, lag Veldig. Unzählige kleine Ranken hatten sich um seinen Körper gewickelt und fixierten ihn am Boden. Aus dem Stamm des Baumes hatten sich bis zu den Hüften zwei Waldnymphen geschält und beugten sich mit ausgestreckten Armen über seinen Begleiter. Ihre Augen leuchteten, auf den Lippen trugen sie ein gieriges Lächeln.
Veldig regte sich nicht mehr. Fisk war es unbegreiflich wie so feine Ranken diesen massiven Körper bändigen konnten.
Fauliger Atem drang an seine Nase, Zorn brannte in ihm auf. Eine raue Stimme flüsterte nahe seines Ohres. „Die Toten werden Rache an den Lebenden nehmen! An jedem einzelnen!“
Fisk rammte seinem Angreifer den Ellenbogen in die Seite, doch es folgte keine Reaktion. Mit einem Aufschrei und einem gewaltigen Akt der Anstrengung packte Fisk die Arme die sich um ihn geschlungen hatten, und wuchtete seinen Körper mit einem Ruck nach vorn.
Es hatte gereicht. Der Mann flog über ihn hinweg und landete mit einem dumpfen Aufschlag vor ihm auf dem Boden.
Um den Untoten würde er sich später kümmern, zuerst musste er Veldig befreien. Fisk stürmte los, doch eine breite Hand packte sein Bein und hielt ihn zurück. Für so etwas hatte er keine Zeit. Fisk zog das breite Schwert auf seinem Rücken, die Klinge surrte in freudiger Erwartung, goldene Runen tanzten auf ihr. Mit einem Hieb trennte er den Arm ab, der ihn gepackt hatte. Kein
Schmerzensschrei folgte. In einer einzelnen, fließenden Bewegung stürmte Fisk weiter voran und holte zu einem Schlag aus, der beide Nymphen zerteilen sollte.
Die Wesen des Waldes erschraken im Angesicht des Todes und zogen sich rasch zurück, und verschwanden in dem Stamm des Baumes. Dadurch ließ sich des Waidmanns Schneide nicht halten. Mit aller Wucht die sein Körper her gab, zwang er die Klinge hinein in die harte Rinde des Baumes. Immer wieder und wieder holte er aus, Splitter flogen in alle Richtungen, und schließlich zerbarst das letzte Stück des Stammes das den Baum noch aufrecht gehalten hatte. Krachend und knackend lehnte der Baum sich zur Seite und landete mit einem dumpfen Aufschlag auf dem Rand des Hügels. Ein Schrei hallte durch die Nacht als das Leben der beiden Nymphen, die in diesem Baum Unterschlupf gesucht hatten, verwirkte. Endlich verwelkten auch die grünen Ranken, die Veldig am Boden fixiert hatten, und zerfielen zu Staub.
Hinter dem Waidmann hatte sich der Untote wieder aufgerichtet und stolperte auf ihn zu. Fisk war so in seinem blinden Zorn gefangen, dass er nicht lange zögerte dem Untoten seine wahre Bestimmung zukommen zu lassen. Wieder sauste die Klinge durch die Nacht, spaltete den Schädelknochen und zerteilte alles was sich ihm in den Weg stellte. Fisk zerteilte den Angreifer einmal in der Mitte bis hin zu seinem Nabel. Der blutende Leichnam brach zusammen und blieb in seinem eigenen Blut vor ihm liegen. Alles was Fisk interessierte war sein treuer Begleiter.
Neben Veldig ging er in die Knie und strich ihm über das sonst so weiche Fell. Nun war es stumpf, und darunter konnte er jeden einzelnen Rippenbogen deutlich spüren. Leise und raschelnd kamen die unregelmäßigen Atemzüge noch aus seiner Kehle, unter großer Anstrengung hielt er seine Augen geöffnet und drehte den Blick zu seinem Herren.
Fisk ballte vor Wut seine Hände zu Fäusten, diese verfluchten Wesen des Waldes hatten ihm einen Großteil seiner Lebensenergie geraubt. „Warum lässt du dich auch überrumpeln?“ Behutsam strich er Veldig über den Kopf. „Ich bringe dich fort von hier, dann bekommst du so viel zum Essen wie in dich hinein passt und kannst dich ausruhen.“
Fisk ließ den Blick schweifen, er würde schon etwas finden aus dem er eine Bare bauen konnte. Der Weg zurück in das Dorf war weit, er hatte in dieser Nacht den Fluch aus diesen Wäldern austreiben wollen, doch nach allem was er in dem Buch des Druiden gelesen hatte, war es vielleicht auch besser wenn er sich den ein oder anderen Bewohner von Kraic einmal zur Brust nahm.
Der Waidmann richtete sich auf und griff nach dem Heft seines Schwertes, welches noch immer in dem zerschlagenen Körper des Toten Steckte, und zog es heraus. Dabei fiel ihm der Gürtel des Toten auf. Der breite Gurt besaß viele Schlaufen in denen verschiedene Werkzeuge, nebeneinander angereiht, steckten. Es waren Werkzeuge die man zum Schnitzen von Holz benötigte. Fisk stieß langsam einen tiefen Atemzug aus und hob den Blick.
Ringsherum um den Hügel auf dem er stand, schälten sich Schatten aus dem Unterholz, angelockt durch all den Lärm den der Kampf verursacht hatte. Eine ganze Schar von Toten kam auf ihn zu. Ruhelos und auf der Suche nach jemandem an dem sie sich für das Unrecht was ihnen widerfahren war, rächen konnten.
Fisk schüttelte das Blut von seiner Klinge. Er würde nicht dieser Jemand sein, und auch wenn er ihren Seelen niemals Frieden geben konnte, so würde er ihren ruhelosen Körpern ein Ende bereiten. Es würde schnell gehen, denn die Zeit war zu seinem Feind geworden.

Der neue Tag war noch nicht lange angebrochen, die Farben des Himmels schimmerten noch in zarten Tönen, und die Raben hatten eben erst damit begonnen ihre Kreise zu ziehen. Sie rochen ihr köstliches Mahl tief im Wald, es würde ein Fest werden, und ihre Bäuche so voll dass das Fliegen schier unmöglich für sie werden würde.
Erst zu dieser Stunde hatte Fisk die Mauern des Dorfes Kraic erreicht. Nicht wie sonst lag diese gespenstische Stille in der Luft, ein Wirrwarr aus Stimmen drang an seine Ohren, zu weit entfernt als dass er ein Wort hätte verstehen können. Die Stimmen allein waren noch nicht alles was merkwürdig war. An jeder Pforte die in das Dorf hinein führte, waren unzählige Wachen positioniert worden. Ihre Lanzen hielten sie kampfbereit in den Händen und suchten mit ihren Blicken den Waldrand ab. Fisk hatte sich nicht einmal vorstellen können dass es so viele Wachen in Kraic gab.
Vorsorglich hatte er einen Weg gewählt, am Waldesrand vorbei, der nicht unter der Beobachtung solch vieler Blicke lag.
Schweiß tropfte von seinem Kinn, den ganzen Weg hinaus aus dem Wald hatte er die, in Eile gebaute Bare hinter sich her gezogen, auf welcher Veldig gerade gegen die Dunkelheit ankämpfte.
Er schaffte es an einer unbewachten Stelle hinein in das Dorf, scheinbar gab es doch nicht genug Wachen um auch die kleineren Pforten zu bewachen. Die Stimmen waren noch immer weit fort, und der Rest des Dorfes schien noch leerer geworden zu sein als zuvor schon. Es war für ihn kein Problem es bis zu dem Gasthaus im Schutz der Seitengassen zu gelangen.
Mit einem Fuß trat er die Tür zu dem Stall ein, wo sein Begleiter auch schon zuvor untergekommen war. Eilig legte er die Bare in einer der Boxen ab und schleppte einen Eimer Wasser heran. „Ich weiß es ist eiskalt, aber du musst etwas trinken.“
Nur mit Mühe und Not gelang es Fisk Veldig ein paar Schlucke einzuflößen, er war einfach zu schwach, selbst das Schlucken schien ihm größte Mühe zu bereiten.
Das Licht in dem Stall wurde verschluckt als sich jemand in die offene Türe stellte. „Nebeljäger!“
Tobias rannte stolpernd die wenigen Meter zu Fisk herüber und riss die Arme in die Höhe. „Was habt Ihr hier zu suchen? Es ist gefährlich!“ Der Junge holte neuen Atem um weiter zu reden, doch Fisk brach ihn mit einem kalten Blick und einer barschen Handbewegung zum schweigen. „Halt den Mund und hilf mir! Wir müssen Veldig versorgen. Bring mir ein paar Decken, er friert.“
Tobias gestikulierte wild mit den Armen und blickte sich immer wieder nervös zum Eingang um. „Ihr wisst gar nicht was hier los ist! Ihr werdet gesucht Jäger! Überall suchen die Stadtwachen nach Euch! Es ist unmöglich dass es Euch gelungen sein kann, hier unerkannt herein zu kommen.“
„Wieso werde ich gesucht?“ Missmutig runzelte Fisk die Stirn während er seinem Begleiter beruhigend über die Seite streichelte.
Tobias sah ihn mit angst geweiteten Augen an und verfiel in einen Flüsterton als fürchte er, jemand könnte sie belauschen. „In der Nacht kamen die Dämonen aus den Wäldern wieder! Das haben sie sonst nie getan! Gleich drei Menschen entführten sie aus ihren Häusern und verschleppten sie!“
Fisk schoss in die Höhe und funkelte den Jungen finster an. „Was sagst du da?“
Tobias hielt sich den Zeigefinger an die Lippen um dem Jäger zu symbolisieren, er solle doch bitte nicht so schreien, und warf noch einmal einen panischen Blick hinüber zu der offenen Stalltür. „Es findet gerade auf dem Marktplatz eine Bürgerversammlung statt. Alle sollten sich dort einfinden, meine Mutter aber schickte mich nach Hause, falls Ihr hier auftaucht. Ich hatte nur noch mitbekommen wie der Bürgermeister Euch als den Gehilfen des Teufels bezeichnete! Ihr hättet noch größeres Unheil über Kraic gebracht.“
Fisk leckte sich langsam über die Unterlippe und blickte hinab zu Veldig. „Verstehe. Ich werde mir diese Versammlung mal ansehen. Dann musst du aber etwas für mich tun.“
Tobias machte so große Augen, dass man befürchten müsste, dass sie ihm jeden Augenblick aus den Höhlen fallen würden. „Ihr könnt doch nicht einfach durch die Stadt marschieren! Überall lauern die Wachen Euch auf.“
„Das sind dämliche Amateure. Ich habe es mit einer Bare hinein geschafft auf der ein Hyna lag, ohne dass mich jemand gesehen hat. Glaub mir, ich schaffe es ohne große Mühe zu der Versammlung.“ Mit dem Finger deutete er auf Veldig. „Kannst du ihn irgendwo hin schaffen wo man ihn nicht findet, wenn man eure Gaststätte durchsucht?“
Tobias gaffte den Jäger einen Moment lang mit offenem Mund an, plötzlich zuckte er zusammen als hätte ein Blitz ihn getroffen. „Ja! Ich denke schon! Hinten in dem großen Schuppen lagern unzählige Fässer! Es gibt auch viele leere Weinfässer dort. Sie sind so riesig dass Euer Tier dort hinein passen könnte! Meine Mutter und ich konnten uns allein nicht mehr um die Produktion von Wein kümmern.“
Fisk nickte ihm zu und drängte sich an ihm vorbei. „Erledige das. Ich muss mir diese Versammlung ansehen.“
„Aber... aber Nebeljäger! Wie soll ich das denn ganz allein schaffen? Euer Tier ist so schwer!“
Der Waidmann hielt inne und blickte langsam über seine Schulter zu dem Jungen, dann drehte er sich noch einmal herum und ging auf ihn zu. Tobias konnte seinem dunklen Blick kaum stand halten und fürchtete seine Knie würden gleich nachgeben. „Weißt du was einen Menschen am schnellsten seine Grenzen vergessen lässt? Blinder Zorn.“
Der Waidmann ging langsam in die Hocke und zog etwas aus der Innenseite seines Mantels hervor und legte es in die Hände von Tobias. Es raubte ihm die Luft als er den Ledergurt mit all den vertrauten Werkzeugen sofort erkannte. Fisk dunkle Stimme kam seinen Fragen zuvor. „In den Wäldern stieß ich auf einige Tote, die umher wandelten weil sie keine Ruhe mehr fanden. Einer von ihnen trug das.“
Tränen schossen in die Augen von Tobias und seine Hände begannen zu zittern. „Das ist der... der Gurt meines Vaters!“
„Die Männer von Kraic, die man angeblich zu dem Hafen bringen sollte, und wo Gottes Gnade auf offener See über ihr Schicksal entscheiden sollte, kamen nie dort an. Ihre ruhelosen Seelen sind ein Teil des Fluches der auf dem Wald hier liegt, aber nicht die Ursache.“
Tobias sah voller Wut zu Fisk auf, seine Stimme war nur noch ein heiseres Krächzen. „Was soll das heißen? Wisst ihr was meinem Vater zugestoßen ist?“
Der Waidmann blickte dem Jungen einen Augenblick lang in die Augen, dann wandte er sich wieder zum Gehen ab. „Bring Veldig in Sicherheit. Wenn ich wieder zurück bin, werde ich dir und deiner Mutter alles erzählen.“
Auch wenn es ihm nicht sonderlich gefiel, er musste den Jungen allein mit seiner Trauer zurück lassen, jemand musste sich um Veldig kümmern, und er musste sich um diese Versammlung kümmern.

Die aufgebrachten Stimmen der Bürger waren in jeder entlegenen Straße von Kraic zu hören, sie wiesen ihm den Weg, auch wenn er schon längst ahnte dass sein Ziel der Marktplatz sein würde.
Fisk sprang von Hausdach zu Hausdach, lautlos wie eine Raubkatze auf der Jagd. Viel Geschick verlangte sein Schleichweg ihm nicht ab, die Häuser waren so dicht an dicht gebaut dass er ohne Probleme voran kam. Hier und da erblickte er eine Stadtwache in den Gassen unter ihm, sie waren auf der Suche nach ihm, nur an der falschen Stelle. Innerlich verhöhnte er sie für ihre Naivität und Unfähigkeit.
Langsam spähte er über die Spitze des letzten Hausdaches und blickte hinab auf den Marktplatz. Auf dem kleinen Podium vor seinem eigenen, riesigen Abbild stand Bürgermeister Müllebreck und plapperte auf die Menge ein. Diese Menschenmasse die unter ihm in der bitteren Kälte des Morgens stand, war fürwahr eine beachtliche Anzahl an Menschen. Er hatte sich in diesem fast schon geisterhaften Ort nicht vorstellen können, dass hier so viele Menschen hausten. Auch wenn ein jeder seinen Leib in dicke Mäntel und Felle gehüllt hatte, war nicht zu übersehen dass alle schon sehr lange einen quälenden Hunger litten. Nur der Bauch des Bürgermeisters und des Pfarrers waren kugelrund und wohl genährt.
Der Pfarrer stand dicht neben dem Podium und warf finstere Blicke in die Menge, zur anderen Seite des Bürgermeisters stand der Kommandant der Stadtwache, wie ein riesiger, unbezwingbarer Wächter in Stahl.
„Dieser Jäger des Teufels hat uns unser Verderben gebracht! Wir alle haben Tag um Tag gebetet dass die Dämonen des Waldes verschwinden mögen sobald sie sich den letzten Sündiger geholt haben! Doch nun sehen wir was dieser Fremde angerichtet hat! Diese Dämonen haben sich unschuldige geholt, und sie wurden von diesem Satan dazu angestiftet!“
Die Stimme des Bürgermeisters donnerte über die Anwesenden hinweg, dazu fuchtelte er mit seinem Zeigefinger in der Luft herum. Seinen Worten folgte ein leises Raunen durch die Menge. Plötzlich entdeckte er die Schneiderin, welche er in der Nacht zuvor noch gerettet hatte. Zwei Soldaten hielten sie fest, ihre Wangen tränennass, und die Augen vor Schreck weit aufgerissen. Dann richtete sich der Zeigefinger auf Mina, die Wirtin, Augenblicklich wichen alle anderen, die um sie herum standen, wie ein Schwarm fort gescheuschte Fliegen zurück. Marie aber zuckte nicht einmal zusammen.
„Und sie ist die Verräterin die diesen Teufel in unser Dorf geholt hat! Ihr haben wir dieses Leid zu verdanken!“
Mina trat einen Schritt vor und warf wütend die Arme in die Luft. „Das ist doch alles Irrsinn! Dafür muss es eine andere Erklärung geben!“ Hilfesuchend blickte sie sich um und schüttelte den Kopf. „Er ist den weiten Weg hier her gekommen um uns zu helfen! Niemand sonst war bereit dazu!“
Müllebreck fiel der Wirtin grob ins Wort und schleuderte wieder seinen Zeigefinger in ihre Richtung. „Auch du wirst auf der Stelle zur Beihilfe bei dämonischen Machenschaften verurteilt! Wachen! Ergreift sie!“
Ohne zu zögern wurde auch Mina direkt von zwei Männern in Rüstung an den Armen geschnappt und zur Seite geschleppt. Schreiend und tretend versuchte sich die zierliche Frau zu wehren und sich dem Griff zu entreißen, aber sie hatte keine Chance, und niemand sah es ein ihr zu helfen oder für sie einzustehen. „Lasst mich los! Das könnt ihr nicht machen! Mein Sohn! Ich muss mich um ihn kümmern. Ihr habt ihm doch schon seinen Vater genommen!“
Fisk zog sich auf seinem Posten hoch über den Köpfen der Anwesenden zurück und machte sich auf den Weg zum Gasthaus.

Tobias hatte es derweil tatsächlich geschafft Veldig mit Hilfe der Bare in den Bauch des alten Weinfasses zu zerren, Seine Muskeln brannten und Schweiß tropfte aus jeder seiner Poren. Tränen mischten sich unter den Schweiß.
Jeden Tag hatte er mit einer Illusion gelebt, einer Lüge. Jeden Tag hatte er daran gedacht was sein Vater wohl gerade tat, irgendwo an fremden Ufern, denn dass die See ihn geholt habe, daran hatte er nie geglaubt. Sein Vater war immer ein guter Mann gewesen, wieso hätte Gott ihn strafen sollen.
Nun aber wusste er sein Vater war tot, Fisk hatte es nicht wörtlich gesagt, aber er wusste es. Der Nebeljäger hatte ihm seinen Gurt mitgebracht, aber was mit seinem Vater geschehen war, dass wusste er nicht. Er wollte es aber wissen.
Eine Hand schloss sich um seine Schulter. Tobias schrie auf und wirbelte herum. Ungeschickt stolperte er dabei über seine eigenen Füße und landete auf den Dielen des Schuppens.
Fisk schüttelte den Kopf. „Du solltest deine Umgebung etwas aufmerksamer wahrnehmen.“
Er blickte auf seinen Begleiter Veldig, welcher schwer atmend in dem riesigen Fass lag. „Gut. Du hast ihn hinein bekommen. Ich werde ihn gleich noch versorgen und dann das Fass verschließen.“
Tobias kämpfte sich wieder auf die Beine und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Wütend herrschte er den Jäger an. „Ich habe es so gemacht wie du es wolltest! Und jetzt erzähle mir endlich was mit meinem Vater passiert ist!“
Fisk wusste er hatte nicht viel Zeit, aber er wusste auch dass er etwas besonnener sein musste, er würde die Hilfe des Jungen brauchen. Er musste sich selbst etwas abverlangen dass er gar nicht konnte. Mit Kindern umzugehen war nicht gerade eine seiner Stärken. „Hör zu, ich habe deinen Vater erlöst. Er hat nun Ruhe gefunden, aber dort in den Wäldern wandern noch immer einige Tote herum um Rache zu nehmen.“
Tobias kreischende Stimme unterbrach den Jäger. „Wie erlöst? Was willst du mir damit sagen?“
„Ich sagte dir doch, die Männer, welche der Stadt verwiesen wurden, gelangten nie ans Meer. Ihr Ende fanden sie alle hier in diesen Wäldern. Nun wandeln ihre Körper noch immer dort herum. Dein Vater hat mich angegriffen und ich habe ihm Ruhe verschafft.“
Zorn und neu aufkommende Tränen machten Tobias blind, der Junge stürmte vor und schlug mit seinen Fäusten auf den Jäger ein, er schrie ihn an dass er ein Monster sei, dass er seinen Vater hätte hier her bringen können, seine Mutter hätte ihn schon wieder gesund gepflegt.
Die Schläge machten Fisk nichts aus, dennoch packte er die Handgelenke des Jungen damit er sein Handeln einstellte und ging etwas in die Hocke.
„Dein Vater wurde ermordet. Es war nur noch eine leere Hülle die dort in den Wäldern umher irrte. Niemand kann ihn wieder zurück bringen. Du musst dich jetzt zusammen reißen Tobias, dann verspreche ich dir, werde ich mich um seinen Mörder kümmern.“
Der Junge atmete heftig, sein Blick war noch immer voller Zorn aber er leistete keine Gegenwehr mehr. Als Fisk sich seiner Aufmerksamkeit sicher war, sprach er weiter. „Du musst mir jetzt gut zuhören, denn ich brauche deine Hilfe. Kennst du einen Mann der dort draußen in den Wäldern gelebt hat?“
Tobias Gesichtszüge entspannten sich ein wenig aufgrund der merkwürdigen Frage. Kurz dachte er nach, dann nickte er. „Ja. Der Waldkauz.“
„Der Waldkauz? Erzähl mir von ihm. Aber schnell, wir haben keine Zeit.“
Tobias runzelte nachdenklich die Stirn, sein Gesicht war noch immer ganz rot und feucht von all den Tränen. „Der Waldkauz ist ein alter Mann der irgendwo in den Wäldern lebt. Niemand weiß genau wo. Einmal in der Woche kam er zu einem kleinen Stand den er sich am Waldesrand gebaut hatte und verkaufte allerlei Salben und Tinkturen. Viele kauften bei ihm ein, sagten er wäre ein weiser Druide. Andere wiederum wie meine Mutter schüttelten nur den Kopf über ihm. Sie nannte ihn einen Scharlatan, weil sie nicht an seine Mittelchen glaubte.
Seit der Fluch ausgebrochen ist, hat ihn niemand mehr gesehen. Manche munkelten er sei bestimmt geflohen, andere sagten er sei tot, die Dämonen hätten ihn geholt.“
„Kannst du lesen?“ Die Frage des Jägers irritiere Tobias noch mehr, dann nickte er. „Ja, meinen Eltern war es wichtig dass ich lesen lerne, ich kann es aber noch nicht gut und muss sehr langsam lesen.“
Fisk zog das Buch dass er in der Hütte des Druiden gefunden hatte aus seinem Mantel und hielt es Tobias hin. Der Junge rieb seine schmerzenden Handgelenke und starrte verwirrt auf das Buch.
„Das ist das Tagebuch von dem Druiden. In seinen letzten Einträgen erzählt er von einer sehr interessanten Beobachtung die er gemacht hat. Wir haben keine Zeit lange zu reden, daher ist es wichtig dass du machst was ich dir sage.“
Fisk drückte dem Jungen das Buch in die Hand. „Eben hat der Bürgermeister deine Mutter verhaften lassen, weil sie es war die mich her gerufen hat. Ihr und mir werden Dinge vorgeworfen die vollkommen banal sind.“ Tobias stockte der Atem, erst erfuhr er dass sein Vater tot war, und nun hatte man seine Mutter verhaftet? Bevor der Junge etwas erwidern konnte, sprach der Jäger weiter. „Ich verspreche dir, wir werden sie schnell wieder da raus holen, aber dafür musst du mir helfen und machen was ich dir sage.“
Ganz offensichtlich war Tobias nicht gerade erfreut über diese Aussichten, aber er war restlos überfordert mit der Situation und traute sich nichts zu sagen.
„Du musst dieses Buch nehmen und zum Totengräber gehen. Jetzt. Ich bezweifle dass die Stadtwache nicht hier her kommen wird um auch dich mitzunehmen, aber bei ihm wirst du einen Verbündeten finden. Lies ihm die letzten Einträge vor, und ihr werdet alles verstehen.“
Tobias schüttelte fassungslos den Kopf und blickte immer wieder zu dem Buch in seinen Händen, und dem dunklen Gesicht des Jägers hinauf. „Zum Totengräber? Aber...“
Fisk schnitt ihm das Wort ab und deutete auf die Tür des Stalls. „Mach was ich dir sage. Und unternehmt nichts, bevor ich wieder zurück bin. Ich werde mich dann um alles weitere kümmern. Scharrt Menschen um euch denen ihr vertrauen könnt, und nicht jemanden die dem Bürgermeister die Stiefel lecken.“
Tobias schüttelte den Kopf. „Aber wo wollt Ihr denn hin? Ich verstehe nicht.“
Fisks Blick wurde dunkler und er der Ton in seiner Stimme deutlich frostiger. „Ich muss mich um diesen Fluch kümmern wenn wir wollen dass nicht noch mehr Menschen verschleppt werden. Ich darf keine Zeit verlieren. Und du auch nicht mehr. Mach was ich dir gesagt habe. Wenn nicht, dann werde auch ich euch allen nicht mehr helfen können. Dir nicht, und deiner Mutter nicht. Was du in diesem Buch lesen wirst, wird deinen Zorn noch weiter wachsen lassen, aber du musst dich zusammen reißen. Sonst werden viele unschuldige in diesem Dorf sterben. Vergiss das nicht.“
Des Jägers Zeigefinger deutete auf die Tür des Stalls und seine Worte wurden mit einem zornigen Zischen untermalt. „Geh, und lass dich nicht erwischen!“
Tobias Beine zitterten wie Espenlaub, ihm drehte sich der Kopf, doch dann hechtete er los, voller Zweifel ob er diesem Fremden trauen sollte.
Als der Junge zur Tür hinaus geeilt war, warf Fisk einen letzten Blick auf Veldig. Behutsam streichelte er ihm über die Seite, seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. „Halte durch mein Freund.“