Totholz Kapitel 1

1. Kapitel

In der vergangenen Nacht war er gekommen. Still und heimlich hatte er Stunde um Stunde das gesamte Land in seinen Besitz übergehen lassen. Bald würde er seinen Schleier über jeden Baum und jeden Strauch, über jedes Dach und jedes Gehöft werfen, und Ruhe Einkehr halten lassen.
Seine Spuren waren noch am nächsten Morgen deutlich zu sehen, kleine Eiskristalle hatten sich auf Steinen und Gräsern nieder gelassen, nicht einmal die zögerlichen ersten Sonnenstrahlen konnten ihnen etwas anhaben.
Der Winter war über das Königreich Siont gekommen. Zaghaft noch, doch schon bald würden die Nächte mit Frost und kühler Luft, einer bitteren Kälte und einer dicken Schicht aus Schnee und Eis weichen.
Starre Grashalme knirschten und knackten leise unter den Stiefeln des Waidmanns. Um Unsichtbarkeit musste er sich nicht bemühen, sollten die Bewohner des Waldes ruhig wissen dass er durch ihr Reich streifte, zu befürchten hatten sie nichts vor ihm.
Vor zwei Tagen noch hatte er einen Bären erlegt, und neben einem Eintopf den er sich gekocht hatte, genügend Fleisch getrocknet dass es ihn einige Tage sättigen konnte. So hoffte er. Der Hunger seines Begleiters war um einiges höher als sein eigener, doch dieser war nicht gerade fanatisch auf getrocknetes Fleisch, er liebte es roh und am besten zappelnd.
Mit einer Hand fuhr der Waidmann über den Rücken seines Begleiters und ließ das weiche, helle Fell zwischen seinen Fingern hindurch gleiten. Ein Kopf, mit einer langen Schnauze in welcher sich gefährlich scharfe Reißzähne befanden, wandte sich zu ihm um. Braune Augen schauten ihn fragend an und wirkten fast vorwurfsvoll. Der Waidmann wusste es besser, sie wirkten nicht vorwurfsvoll, sie waren es.
Der Waidmann atmete tief durch und raunte mit leiser, dunkler Stimme. „Bald mein Freund.“
Veldig schnaubte zufrieden und sein warmer Atem kräuselte sich in kleinen Wölkchen in der kalten Luft des Morgens. Mehr brauchte er nicht zu hören um Gewissheit zu haben, dass ihre lange Reise bald ein Ende haben würde. Vorerst. Denn eine lange Pause war ihnen nie vergönnt.
Den Hut tief ins Gesicht gezogen, ließ der Mensch seine Blicke schweifen. Im hellen Morgenlicht, welches durch die kahlen Äste der Bäume fiel, tanzten kleine Schneeflocken umher. Den Wolken konnte er ansehen dass sie noch nicht den großen Schnee mit sich brachten.
Dennoch war die Kälte schneidend. Er zog sich seinen schwarzen Schal noch etwas weiter über die Nase, so dass nur ein kleiner Schlitz entstand zwischen Stoff und Hutkrempe, durch die man seine blauen Augen sehen konnte.
Ein langer schwarzer Fellumhang schützte seinen Körper vor der Kälte. Das Tier, welchem das Fell zuvor gehörte, hatte er natürlich selbst erlegt. Genau wie all seine restliche Kleidung die er am Leib trug, aus dem besten Leder seiner Beute bestand.
Er lauschte auf das Knirschen unter seinen Stiefeln, den Atem seines Begleiters, das Knacken der steif gefrorenen Äste des Waldes, und das zwitschern der Vögel die hier überwinterten.
Plötzlich blieb er stehen als wäre er vom Blitz getroffen. Er packte seinen Begleiter an einem der zwei Hörner die ihm auf der Stirn wuchsen, und brachte ihn so zum stehen. Seine buschigen Ohren stellten sich auf, hatte er etwas überhört dass sein Herr vernommen hatte? Ausgeschlossen.
Des Waidmanns Augen waren geweitet als er in das Unterholz starrte. Dort, inmitten all des weißen Frosts, lag etwas auf dem Boden das sich deutlich von seiner Umgebung abhob. Nur ein paar wenige Schritte musste er gehen um zu erkennen um was es sich handelte.
Auf dem Boden lag ein armlanger Zweig einer Tanne, vollkommen vom Frost befreit so dass seine grünen Nadeln deutlich ins Auge stachen. Jemand hatte ihn von seiner Rinde befreit, und der Waidmann wusste auch schon wer.
Genau suchte er den Boden ab, seine Stirn legte sich in Falten denn er konnte keine Fußspuren erkennen. Langsam und vorsichtig ging er mit seinem Begleiter im Rücken in den Wald hinein dorthin wo die Spitze des Zweiges deutete, fern ab des ausgetretenen Pfades. Schon nach wenigen Minuten hatte er den zweiten Bruch entdeckt. Ein Tannenzweig, wie der erste von Rinde befreit, doch dieses Mal nur halb so lang.
Er folgte der Spur eine geraume Weile, der Wald um ihn herum wurde immer dichter und die Rufe der Vögel verstummten je weiter er ging. Immer mehr Nadelbäume geleiteten ihn auf seinem Weg, reckten sich hoch empor, schluckten das Licht des heran nahenden Tages und bescherten ihm einen weichen Boden aus Nadeln.
Der Waidmann blieb stehen, vor ihm auf dem Boden lag sein letzter Wegweiser. Zwei kreuzförmig übereinander gelegte Zweige deuteten ihm an hier zu warten. Langsam ließ er den Blick nach allen Seiten hin schweifen. Er befand sich in einem Ring aus Tannen, die erst weit über ihm die ersten Äste trugen, da sie sich hoch in den Himmel schraubten um den besten Platz nahe der Sonne zu ergattern. Hier unten in ihrem Schutz war das Licht dämmrig, und nur weit in der Ferne hörte er noch das Gackern eines Eichhörnchens, das Singen der Vogel und das Plätschern eines Baches. Seine Ohren schmerzten, so sehr spannte er sie an, damit ihm kein wichtiges Geräusch entgehen konnte.
Um so verdrießlicher war er, als er hinter sich das leise Lachen einer Frau vernahm.
Mit einem lauten Seufzer streifte er sich den Schal von der Nase und stopfte ihn unter den Kragen seines Mantels. Sein Begleiter knurrte kurz auf. Er drehte sich so schnell herum dass eine Schar von Nadeln in die Luft geschleudert wurde, und anschließend zu Boden prasselte.
„Ruhig mein Freund... du weißt doch welche Freude sie daran hat uns wie Trottel dastehen zu lassen.“ Der Waidmann zog einen seiner schwarzen Handschuhe aus die ihm bis zu den Ellenbogen reichten, und tätschelte die Flanke des Tieres.
„Guter Jäger, welch garstige Unterstellung du mir machst, dass ich Freude empfinde nur wenn jemand Anders wie ein Narr da steht. Zudem finde ich, dass du doch ganz gut da stehst.“ Aus dem Dunkel der Bäume schälte sich eine weibliche Silhouette, in einen feinen, roten Mantel gehüllt den man schon aus mehreren Metern Entfernung hätte erkennen müssen. Doch das hatte er nicht, noch nie, und es machte ihn wild so an der Nase herum geführt zu werden. Das war in der Regel seine Aufgabe.
Stumm wartete er ab bis die Frau vor ihm zum stehen kam. Ihr roter Mantel reichte ihr bis zu den Knien, ihre Füße waren in braune Halbstiefel gehüllt und eine schwarze Strumpfhose schützte ihre Beine vor der Kälte. Um ihre Schulter hatte sie eine Ledertasche geworfen die so voll war, dass sie nicht einmal mehr das Stück Horn der oberen Lasche durch die Kordel an der Frontseite der Tasche schieben konnte um sie zu schließen.
Kein gutes Zeichen.
Unter der tiefen Kapuze die sie sich in ihr Gesicht gezogen hatte, konnte er ein schmales Lächeln auf ihren blutroten Lippen erkennen. Ihre grünen Augen, die ihn so genau taxierten lagen im Schatten. Ein langer, geflochtener Zopf schwarzen Haares fiel an ihrer rechten Gesichtshälfte hinab, und reichte bis auf Bauchhöhe.
Der Waidmann zog seine Brauen ein wenig mehr zusammen und streichelte noch immer über die Seite seines Begleiters der sich inzwischen wieder beruhigt hatte.
„Eines will ich wissen, wie macht Ihr das? Hinterlasst keine Fußspuren, Veldig kann eure Witterung nicht aufnehmen und Ihr pirscht Euch an uns heran ohne das wir auch nur einen Ton wahr nehmen?“
Statt einer zufrieden stellenden Antwort zuckte die Frau nur mit den Schultern, ein Grinsen entblößte ihre Zähne. Doch schon in der nächsten Sekunde erlosch das Grinsen und etwas Dunkles trat auf ihre Züge.
„Guter Jäger, du weißt, ich habe dich nicht ohne Grund zu mir geführt. Es gibt einen Auftrag den ich für dich angenommen habe.“ Aus ihrer vollen Tasche zog sie ein zusammen gefaltetes Dokument hervor und reichte es an den Waidmann weiter.
Ohne zu zögern nahm er das Papier entgegen und faltete es auseinander. Seine blauen Augen huschten eilig über die niedergeschriebenen Zeilen bis er langsam die Hände sinken ließ.
„In dem Dorf Kraic soll es plötzlich einen verfluchten Wald geben, in welchem merkwürdige Kreaturen ihr Unwesen treiben und des Nachts Dorfbewohner verschleppen? Das ist alles an Informationen? Um was geht es hier? Aberglauben? Ruhelose Geister? Dämonen?“
Die Frau in Rot reckte ihr Kinn vor und deutete damit kurz auf das Schreiben in seinen Händen. „Dies ist ein Hilfegesuch einer jungen Witwe. Sie leitet das Gasthaus von Kraic, nachdem ihr Mann verschwunden ist. An das Dorf grenzt ein großes Waldstück welches bis an die östliche Küste reicht. Seit einer geraumen Zeit treiben sich Unwesen dort herum, doch ich kann dir auch nicht sagen von welcher Natur sie sind. Mehr weiß ich nicht.“
Der Waidmann blickte ihr eine ganze Weile lang in die Augen. Langsam schob er eine Hand unter seinen Umhang und löste an seinem Gürtel eine Schnalle. Daran befestigt hatte er ein altes Buch, der Umschlag war bereits stark abgewetzt und die dunklen Edelsteine, die in den Einband eingearbeitet waren, stumpf. Manche Seiten waren lose und blickten überall kreuz und quer an sämtliche Ecken heraus. Er öffnete das Buch an einer beliebigen Stelle und steckte das Schreiben hinein. Lautstark ließ er es mit einer Hand wieder zuklappen und befestigte es dort, wo er es her genommen hatte. „Gut. Eine Wahl habe ich sowieso nicht. Und so wie ich Euch kenne, werdet Ihr mir sicher nicht den tieferen Sinn dahinter erläutern.“
Sie senkte das Haupt so weit dass ihre Kapuze ihr komplettes Gesicht verdeckte, dennoch konnte er das Lächeln in ihrer Stimme hören. „Es hat nicht alles einen tieferen Sinn. Jäger Fisk. Manchmal sind es viele kleine Tröpfchen die sich zu einem Großen zusammenfügen. Gäbe es das eine Tröpfchen nicht, gäbe es ein Anderes. Dies ist lediglich ein Hilferuf einer armen Witwe.“ Kaum hatte das letzte Wort ihre Lippen verlassen, griff sie in ihre Tasche und holte ein großes Bündel hervor, welches sie sorgfältig verschnürt hatte. Sie reichte es dem Jäger.
Zum Dank neigte er den Kopf und befestigte das Bündel an dem Sattel seines Tieres. „Viele Vorräte sind meist kein gutes Zeichen. Also wird die Reise länger?“
Die Frau kramte noch ein weiteres Bündel hervor. Sie schlug die obere Lasche ihrer Tasche zurück und offenbarte die verschiedensten Utensilien, welche sie in eine Reihe von kleinen Fächern gesteckt hatte. Ihre Finger glitten suchend über Schreibfedern verschiedener Strichstärken, einem Fläschchen mit Tinte, einem Kohlestift, einer Pinzette und allerlei Krempel von dem sie glaubte, es bei sich tragen zu müssen. Sie hielt inne als ihre Finger die kleine Schere fanden. Das Tier des Jägers leckte sich über seine Lippen und begann ungeduldig mit einer Pfote auf dem kalten Boden zu scharren.
Rasch knipste sie die Schnüre auf und legte ein saftiges Stück Fleisch frei. Kaum hatte sie Veldig ihr Angebot hingehalten, war es mit zwei Bissen direkt zwischen seinen mächtigen Kiefern verschwunden.
„Die Reise nach Kraic wird zwei Tage dauern.“ Sie ging dicht an das Tier heran und strich ihm sanft über dessen Schnauze. Schmunzelnd betrachtete sie wie es ihr den Kopf entgegen reckte und verlangte am Kinn gekrault zu werden. Ein zufriedenes Grollen drang aus seiner Kehler.
Ihr Blick wanderte langsam zu dem ungeduldigen Jäger, der bereits die Arme vor der Brust verschränkt hatte. „Geh von hier aus nach Norden.“ Sie deutete knapp auf eine kleine Schneise zwischen den Bäumen. „Nach einer Stunde solltest du einen breiten Pfad gefunden haben. Viel befahren von Karren der Handelsleute. Folge diesem Pfad nach Osten. In zwei Tagen wirst du Kraic erreichen. Du wirst die Witwe ohne Probleme finden, es gibt dort nur ein Gasthaus weit und breit.“ Sie wandte sich von dem Tier ab und trat dicht an den Jäger heran, bevor er fragen konnte, was dann all die Vorräte sollten, klopfte sie ihm auf den Bauch. „Ich fürchte nur, du könntest Hunger leiden.“
Der Waidmann erwiderte nichts auf ihre Worte. Seine Miene war kühl und abschätzend. „Der Winter ist gekommen.“ Langsam trat sie einen Schritt zurück und nickte ihm zu. „Ich werde mein Versprechen halten, und du wirst mich finden wenn du deinen Auftrag erfüllt hast.“
Nun war es der Waidmann der ein paar Schritte zurück ging und sich von der Frau abwandte, er steuerte die Richtung an, in welche sie gedeutet hatte. „Komm Veldig. Zeit zu gehen.“ Sein treuer Begleiter folgte ihm.
Hinter ihm erschallte die Stimme fest, und brachte ihn dazu sich noch einmal herum zu drehen. „Gib Acht auf dich, guter Jäger. Verliere dich nicht in den Weiten Dravasuums. Denn was einmal in dieser Welt verloren geht, kehrt vielleicht nie wieder zurück.“ Ein Nicken schenkte sie ihm zum Abschied. „Waidmannsheil.“ Auch der Jäger senkte sein Haupt, berührte mit Zeigefinger und Daumen die Spitze seines Hutes und bevor er seinen Schal wieder hoch, bis über seine Nase zog. „Waidmannsdank.“

Es war genau so gewesen wie sie ihm gesagt hatte. Zwei Tage lang war er dem breiten Pfad gefolgt und in ein tiefes Tal gestiegen. Der Winter war ihm dicht auf den Fersen. Die Nächte wurden lang und kalt. Der Waidmann war froh als er in dem Tal vor sich die ersten Dächer des kleinen Dorfes Kraic entdeckt hatte. Dort würde ihn ein warmes Bett erwarten.
Nun waren es nur noch wenige Meter bis er die ersten Häuser erreicht hatte. Überall stieg Rauch aus den schmalen Schornsteinen in die Luft. An seine Ohren drang das übliche Treiben eines Dorfes. Das Lachen von Kindern, das Geschwätz der Weiber, das Klirren aus der nahen Schmiede und die Laute der Nutztiere. In der Luft lag der Geruch von frisch gebackenem Brot. Kraic war nicht groß, dennoch machte es auf den Waidmann einen fortschrittlichen Eindruck.
Die Häuser hatte man zum größten Teil aus Stein erbaut, die breite Hauptstraße hatte man gepflastert, dass man im späteren Jahr nicht durch den Matsch waten musste, den die Handelskarren auf dem weichen Boden hinterlassen würden. Er sah Schilder aus Metall an den verschiedenen Handelshäusern hängen und selbst die Kinder aus den ärmeren Verhältnissen trugen festes Schuhwerk an ihren Füßen.
Der Waidmann saß fest in seinem Sattel und lenkte Veldig langsam durch die Straßen. Niemand sprach ihn an, doch jeder der ihn erblickte, blieb wie angewurzelt stehen und tuschelte hinter hervor gehaltener Hand. Er wusste, es war nicht sein Anblick allein, sondern viel mehr sein treuer Begleiter dem die Blicke galten. Die Menschen hier besaßen meist Pferde zum Reiten, hatten auch schon von dem ein oder anderem Tier aus der Ferne gehört, doch gesehen hatte hier wohl kaum jemand mehr als die Grenzen des Dorfes.
Ein kleines Mädchen blieb dicht am Rand der Straße stehen und starrte zu dem Fremden hinauf. Er hielt ein und blickte hinab. „Wo finde ich das Gasthaus?“ Mit zitternden Händen deutete das kleine Mädchen die Straße hinauf, und stotterte mit leiser Stimme. „Da lang. Beim Goldschmied müsst ihr dann da lang und dann immer weiter die Straße rauf.“ Ihre Finger deuteten ihm den Weg, den er eher erahnen konnte, ihrer Beschreibung nach. „Danke.“
Doch es reichte aus. Er bog beim Goldschmied zu seiner Rechten ab und folgte der Straße bis er an dessen Ende in einer Sackgasse landete. Dort baumelte an einem verwinkelten Gebäude, mit einer großen Stallung, ein rundes Schild mit der Aufschrift „Zum vollen Krug“.
Der Waidmann schwang sich vom Rücken seines Begleiters. Noch einen Blick warf er nach oben in den grauen Himmel. Die Wolken würden mit Sicherheit an diesem Tag noch ein wenig Schnee mit sich bringen. Mit einem Fingerzeig deutete er Veldig an zu warten.
Noch bevor er die erste von drei Stufen hinauf auf die kleine Terrasse des Gasthauses nehmen konnte, öffnete sich knarzend die schwere Holztür.
Eine junge Frau trat hinaus, ein Handtuch stopfte sie nebenbei in ihre Schürze und blickte finster auf den Fremden hinab. Ihr blondes Haar fiel in Wellen ihre Schultern hinab. Ihre Augen waren von einem hellen Braun, ihre Kleidung gepflegt und sauber. Und doch sah man ihr ein kurzes aber dafür hartes Leben in ihrem Gesicht an. „Was wollt ihr?“
Der Jäger blickte sich kurz um, nein sie musste eindeutig ihn gemeint haben. Seine Schultern zuckten und fragend breitete er seine Arme aus. „Die Frage müsste ich Euch stellen, schließlich habt Ihr mich doch gerufen. Nehme ich an.“ Plötzlich hellten sich die Züge der jungen Frau auf und sie trat aus der Tür hinaus. Ihre Augen huschten einige Male an ihm auf und ab. „Oh! Ihr seid der Nebeljäger? Entschuldigt ich... habe mir Euch anders vorgestellt.“ Der Waidmann verschränkte die Arme vor der Brust und zuckte abermals mit den Schultern. Die Frau hob abwehrend die Arme und schüttelte den Kopf. „Nein, entschuldigt. Ich weiß auch nicht. Es überrascht mich einfach dass Ihr so schnell gekommen seid.“ Mit einem Nicken streifte sie ihre Schürze glatt. „Mein Name ist Mina Bach und mir gehört dieses Gasthaus.“ Der Jäger berührte die Krempe seines Hutes. „Thomas Fisk. Nebeljäger.“
Mina öffnete die Tür hinter sich und bat den Jäger hinein.
„Kann ich meinen Begleiter bei Euch im Stall unterbringen?“ Die Wirtin blickte an dem Fremden vorbei und entdeckte erst jetzt das ihr fremde Wesen. Sofort spannte sich ihr gesamter Körper an.
Nach einem Blick in die Augen des Jägers nickte sie ihm unsicher zu. „Natürlich, bringt ihn ruhig in die Stallungen, nur etwas Futter werden wir für ihn nicht haben. Vorräte besitzen wir kaum noch.“
Der Waidmann suchte einen gemütlichen Platz für seinen Begleiter und trat anschließend in die Gaststätte ein. Ein Junge, mit blondem Haar von vielleicht zwölf oder dreizehn Sommern, saß an einem der kleinen runden Tische und polierte ein paar Gläser. Er hielt mit seiner Arbeit inne als er den Fremden eintreten sah. Außer den dreien befand sich niemand in dem geräumigen Gasthaus.
Etliche Stühle und Tische standen bereit, überall brannten kleine Laternen und es roch weder rauchig noch nach verbrauchter Luft, wie er es aus vielen anderen Gaststätten kannte.
Sogar die Bodendielen waren blank geputzt. Scheinbar hatte hier schon lange kein reges Treiben mehr stattgefunden. Der Waidmann bedachte die Wirtin mit einem Seitenblick. „Ihr sagtet Ihr habt kaum Vorräte?“
Seufzend ging sie um den breiten Tresen herum und holte einen Krug hervor. „Schon lange kommen keine Händler mehr in unser Dorf. Und unsere Jäger trauen sich nicht mehr aus ihm hinaus. Nur noch wenige Vorräte sind uns geblieben und wir müssen von dem Leben was uns die nahen Höfe bieten können.“
Der Waidmann löste seinen Umhang von den Schultern, er erinnerte sich an die Worte seiner Auftraggeberin als sie ihm die Vorräte in die Hand gedrückt hatte. Diese Verräterin wusste doch wieder mehr als sie ihm sagen wollte. Das dicke Fell hängte er auf und ließ vor Erleichterung die Schultern kreisen. Schon lange hatte er sich nicht mehr so leicht gefühlt.
Als er sich wieder dem Tresen zuwandte bemerkte er zwar die Blicke der beiden, jedoch schien es ihn nicht zu kümmern. Die Wirtin starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an. Unter dem Fell hatte sich ein ganz anderes Bild von dem Jäger offenbart. Sein Körper war in einen langen schwarzen Mantel gehüllt der ihm bis zu den Knien reichte, auch der Rest seiner Kleidung war schwarz. Sie konnte an seinem Harnisch zwei breite Lederriemen erkennen die sich auf seiner Brust kreuzten. Zu beiden Seiten steckten jeweils vier kleine Fläschchen darin, welche mit Flüssigkeiten verschiedenster Farben gefüllt waren. An seinen, bis zu den Ellenbogen reichenden Handschuhen, waren auf den Fingerknöcheln Nieten angebracht, die zwar flach abgerundet waren, aber bei einem Faustkampf beachtliche Schäden hinterlassen könnten.
Ein altes Buch war an seinem breiten Gürtel befestigt, gleich daneben baumelten zwei kleine Beutel mit ungewissem Inhalt. Ein weiterer Gurt schlang sich um seine Taille, daran befestigt war ein Köcher mit Pfeilen. Aber noch etwas anderes war an diesem Köcher befestigt. Eine Armbrust mit silbernen Verzierungen die sicher von großem Wert war, verlieh dem Fremden eindeutig seine Berufung. Neben der Waffe hatte er noch ein Jagdhorn befestigt. Bei all den Eindrücken die wie eine Sintflut über der Wirtin zusammen brach, hätte sie fast noch ein ganz anderes Detail übersehen, auf welches der Junge hinter dem Jäger mit erschlafftem Unterkiefer starrte. Auf dem Rücken des Jägers war ein Zweihänder befestigt, dessen Klinge gut versteckt in einer abgewetzten Lederscheide steckte, die er hier und da mit ausgefransten Stofffetzen geflickt hatte.
Nachdem Fisk sich auf einem Hocker direkt am Tresen nieder gelassen hatte, schaute er in das erstarrte Gesicht der Wirtin, die noch immer den leeren Krug in Händen hielt. Da sie neben einem großen Fass mit Zapfanlage stand, ging er davon aus, sie hatte ihm vielleicht etwas zu trinken einschenken wollen. Ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf dem poliertem Holz des Tresens. „Entspreche ich für euch nun besser dem Bild eines Jägers?“ Feste presste die Wirtin beide Augen zusammen und schüttelte den Kopf als müsse sie erst wieder zu klarem Verstand kommen. „Ja. Schon besser.“ Sie schob den Krug unter die Zapfanlage und füllte ihn bis zum Rand mit Bier. Die Schaumkrone lief über und tropfte zu Boden. „Nun habe ich schon eher den Eindruck dass all unser Geld nicht umsonst zusammen gekramt wurde.“ Der Jäger betrachtete den Krug vor seiner Nase, angelte mit einem Finger nach dessen Griff und zog ihn näher an sich heran. Er hasste Bier, aber er entsann sich seiner guten Kinderstube und sagte nichts. „Lobt den Tag nicht vor dem Abend, nur weil Ihr mich gerufen habt, heißt das nicht, dass ich Euer Problem auch lösen kann.“
Betroffenes Schweigen setzte ein, der Jäger war es, der es wieder brach. „Kommen wir zum Geschäftlichen Mina. Ihr habt mich gerufen weil die Wälder hier verflucht sein sollen?“ Kurz presste die Wirtin die Lippen zusammen, ihr stieß es bitter auf dass der Fremde sie einfach mit ihrem Vornamen ansprach, aber auch sie entsann sich ihrer guten Kinderstube. „So ist es. Daher leiden wir auch im Moment Hunger. Das ganze begann vor ungefähr acht Monaten. Einige Dorfbewohner die im Wald unterwegs waren, sprachen von merkwürdigen Geräuschen und dem Gefühl beobachtet zu werden.“ Mit beiden Händen fuhr sie sich über die Oberarme, ganz als würde sie frieren. „Bis die ersten verschwanden. Seither kehrt niemand mehr zurück der den Wald betritt. Doch... das ist nicht alles. Wenn die Nacht herein bricht, hört man vom Waldesrand her Schreie und unmenschliche Geräusche. Seit sieben Wochen dann, kommt in jeder Sonntagnacht etwas aus den Wäldern.“ Minas Gesicht wurde mit jedem Wort deutlich blasser als würde sie einen Geist im Nacken des Jägers erblicken. „Ein jeder verriegelt die Türen. Niemand traut sich nachts noch auf die Straßen. Doch auch das stärkste Schloss kann sie nicht aufhalten wenn sie kommen um einen zu holen.“
Die blauen Augen des Jägers taxierten die Wirtin ganz genau, er konnte in jedem feinen Wanken ihrer Stimme deutlich erkennen dass sie niemand war, die sich hier von einer Schreckensgeschichte abschrecken ließe, die sie irgendwo aufgeschnappt hatte. Sie hatte den Schrecken wahrhaftig gesehen. In den Flaschen die hinter ihr Standen sah der Jäger das Spiegelbild des Jungen, der inzwischen aufgehört hatte die Gläser zu polieren. „Was kommt des nachts?“
Mina schüttelte so energisch den Kopf dass ihre welligen Haare hin und her flogen. „Das weiß ich nicht, ich habe die Wesen nie gesehen! In den Nächten verriegele ich jede Tür und jedes Fenster.“ Sie beugte sich dem Jäger über den Tresen entgegen und flüsterte als befürchte sie, jemand könnte ihre Worte belauschen. „Von der Bäckersfrau, die direkt vorn am Marktplatz mit ihrem Mann wohnt, weiß ich aber dass die das Wesen gesehen haben will. Ihr Nachbar wurde vor zwei Wochen geholt.“ Weit riss sie ihre braunen Augen auf. „Sie traute sich aus dem Fenster zu schauen und sah wie etwas die Straße in gebückter Haltung hinunter ging. Es versteckte sich nicht einmal und hielt gezielt auf die Tür zu. Die Bäckerin sagte, es habe grüne Haut gehabt, die Statur einer alten Frau und ganz langes weißes Haar.“ Mina richtete sich wieder auf verschränkte die Arme vor der Brust. „Das Wesen soll einfach so die verschlossene Tür aufgedrückt haben, man hörte den Schrei des Nachbarn, dann wurde es wieder still. Nicht lange dauerte es, dann zog das Wesen den leblosen Mann aus dem Haus.“
Thomas strich sich nachdenklich über das Kinn. Als seine Finger über die Stoppeln seines Bartes fuhren, füllte das scharrende Geräusch die Stille des Gasthauses. „Gab es Blut?“
„Nein. Blut wurde nie gesehen.“
Noch immer fuhr sich Fisk über sein Kinn. Die Beschreibung der Frau half ihm nicht viel. Zu wage. Unbrauchbar. Er nahm einen Schluck des ekelhaften Bieres gegen die Trockenheit seiner Kehle. Wieder trommelten seine Finger über die Bretter des Tresens während seine blauen Augen wieder die Wirtin beobachteten. „Ihr sagtet die Ereignisse hätten plötzlich begonnen? Keine Vorfälle?“ Mina blickte durch ein nahes Buntglasfenster. Alles was draußen vor sich ging, konnte man nur anhand von Schemen erahnen. Kein Mensch war auf der Straße. „Nein. Zumindest nicht das ich wüsste.“
Steckte eine Lüge hinter den Worten der Frau? Verheimlichte sie ihm etwas? Der Waidmann betrachtete jede Regung in ihrem Gesicht, doch er sah nur eine Unsicherheit die überall herrühren konnte. In ihren Augen lag etwas flehendes als sie Thomas anblickte. „Nebeljäger Fisk, Euer guter Ruf gelangte sogar in unser abgelegenes, kleines Dorf. Niemand sonst nimmt sich unserem Problem an. Die Stadtwache traut sich selbst nicht in den Wald. Wir sandten sogar schon ein Gesuch an unseren König in Siont. Doch niemand reagierte. Bitte helft uns!“
Der Waidmann griff zu seinem Hut und legte ihn neben dem Krug ab. Sein mittellanges, blondes Haar lockerte er auf als er mit den Fingern hindurch strich. Mit beiden Ellenbogen stützte er sich auf und schaute Mina fest in die Augen. „Ihr habt mich gerufen, und ich bin Eurem Ruf gefolgt. Wenn ich einen Auftrag annehme, werde ich so lange an ihm arbeiten, bis er gelöst ist.“ Kaum trat eine Art Erleichterung in das Gesicht der Wirtin, erklang zum ersten Mal die Stimme des Jungen der bisher stumm an seinem Tisch gesessen hatte.
„Eben habt Ihr noch gesagt ihr könntet für nichts garantieren. Warum lügt Ihr?“ Fisk drehte sich auf seinem Hocker langsam zu dem vorlauten Bengel herum und lehnte sich mit dem Rücken an den Tresen. „Das war keine Lüge. Ich arbeite so lange an meinem Auftrag bis er erledigt ist. Jedoch kann ich nie eine Garantie geben. Ich bin nur ein Mensch, jeder Auftrag könnte mein letzter sein, woher soll ich denn wissen was mich erwartet? Als Toter wird es mir wohl kaum möglich sein weiter zu jagen.“ Der Junge erhob sich von seinem Platz und verschränkte fast trotzig die Arme vor der Brust. „Ihr würdet kämpfen bis zum Tod? Das ist doch dämlich! Nur weil jemand Euch dafür bezahlt?“ Fisk entgegnete den Worten des Jungen mit einem müden Lächeln. „Ich bin ein Nebeljäger. Jeder, der Hilfe benötigt, kann einen Nebeljäger rufen, die Motive unserer Auftraggeber sind uns gleich. Wenn wir einen Auftrag annehmen sind wir unserem Auftraggeber loyal ergeben, so steht es in unserem Kodex. Und zu dieser Loyalität gehört den Auftrag zu erfüllen, unter allen Umständen. Man wird kein Nebeljäger der Bezahlung wegen.“
Der Junge schüttelte nur den Kopf und stemmte nun seine Arme in die Hüften. „Wenn ihr es nicht wegen der Bezahlung tut, wieso solltet Ihr euch sonst solch einer Gefahr ausgeben? Eure Loyalität ist käuflich!“
Über die Züge des Waidmanns huschte abermals ein Schmunzeln als würde es ihn amüsieren dieses trotzige Kind zu belehren. „Du hast keine Ahnung über unseren Orden, daher spare ich mir meinen Atem dir unseren Kodex zu erklären. Nur deine Frage will ich dir noch beantworten. Wir setzen uns der Gefahr aus, weil sie ein Teil der Leidenschaft ist, die unsere Berufung ausmacht. Ich bin kein Jäger geworden weil ich Kaninchen nachstellen will, ich will die richtige Jagd spüren.“ Er drehte sich langsam wieder zurück zu dem Tresen, doch seine Augen hafteten noch immer auf dem Jungen. „Außerdem sagte ich, ich bin jedem loyal gegenüber, der mir einen Auftrag gibt. Jedoch liegt es an mir welchen Auftrag ich annehme, und welchen nicht. Ich nehme keine Aufträge an, die gegen den wichtigsten Punkt unseres Kodex verstößt.“
„Ach, und was ist dieser wichtige Punkt?“ Der Junge trat ein paar Schritte vor, er vertraute dem Fremden noch immer nicht, er glaubte weiterhin er wolle seiner Mutter nur das hart verdiente Gold aus der Tasche ziehen. Der Waidmann antwortete ihm lediglich mit, „Das geht ein Kind wie dich nichts an.“ Wütend marschierte der Knabe auf den Jäger zu, doch der strenge Blick seiner Mutter und ihr scharfer Ton brachten ihn dazu sich zu zügeln.
„Tobias! Halt jetzt endlich deinen Mund! Geh lieber auf den Markt und kauf das Brot um das ich dich schon vor Stunden gebeten habe.“ Auf dem Absatz machte der Junge kehrt, jedoch nicht ohne dem Fremden noch einen zornigen Blick entgegen zu werfen. Er sollte ruhig wissen dass er ihn im Auge hatte und er es ja nicht wagen sollte mit dem Geld seiner Mutter das Weite zu suchen. Mit stapfenden Schritten ging er die Treppe hinauf um sich für einen kleinen Einkauf auf dem Markt bereit zu machen.
Mina seufzte leise und blickte den Waidmann entschuldigend an, „Bitte verzeiht. Mein Sohn ist etwas aufbrausend geworden.“
„Kein Grund sich zu entschuldigen, er will nur seine Mutter vor Gaunern beschützen und betrachtet ihm fremde Dinge mit Argwohn. Das zeugt von gesundem Menschenverstand.“ Nachdem er noch einen Schluck des scheußlichen Bieres genommen hatte schob er den Krug von sich und rutschte von dem Hocker hinunter. „Noch was das ich wissen müsste? Sonst würde ich mich mal etwas in dem beschaulichen Kraic umsehen.“
Die Wirtin überlegte kurz und schüttelte den Kopf. Sie ging um den Tresen herum und deutet auf eine Tür die sich gut versteckt hinter einer Nische versteckt hielt. „Ich habe eines der Zimmer für euch her gerichtet, natürlich müsst ihr dafür nicht bezahlen. Nur versorgen müsst ihr euch selbst, ich schaffe es kaum dass Tobias und ich nicht jede Nacht mit knurrenden Mägen zu Bett gehen müssen.“ Als Dank erhielt sie ein Nicken. Der Waidmann nahm sein dickes Fell vom Haken und folgte der Frau zu der Tür. Auch sie war mit einem dieser Buntglasfenster in der Mitte versehen. Scharrend zog die Wirtin sie auf und ging die steile Treppe hinauf. Jede der abgewetzten Stufen knarzte laut unter ihren Schritten. Es war ein grässliches Orchester als das Knarzen seiner Schritte sich dazu mischte. Nach nur wenigen Stufen hatten sie die erste Etage erreicht. Vor ihnen lag ein Korridor der von der Treppe aus sowohl nach Rechts, als auch nach Links abzweigte. Zu beiden Seiten sah er jeweils vier Türen an der Wand gegenüber der Treppe und jeweils zwei Türen an der anderen Wand. Jeder Korridor endete mit einem weit oben angebrachten, halbrundem Fenster. Es fiel nur schummriges Licht hinein, und so wie das Gasthaus in der Nische der Sackgasse gelegen war, vermutete er dass das Sonnenlicht von den angrenzenden Häusern geschluckt wurde.
Auf dem Boden lag ein bunt bestickter Teppich der ihre Schritte dämpfte. Vor vielen Jahren einmal musste er einen prächtigen Eindruck gemacht haben, nun aber war er durch die Besucher die hier ein und aus gegangen waren schon sehr in Mitleidenschaft gezogen worden. Als er der Wirtin den Korridor nach Links hin folgte betrachtete er das Muster des Teppichs. Es zeigte eine Schlacht in der Männer mit gelb roten Wimpeln und massiven Rüstungen, Männer in die Flucht jagten, die schäbige schwarze Rüstungen trugen. Er kannte das Banner auf den Wimpeln wieder, es war das Banner des Königreiches Siont, in dessen Herzen er sich gerade befand.
An den Wänden gab es kleine Öllampen in denen zu dieser Zeit kein Feuer brannte, doch das schummrige Licht reichte auch so gerade aus. An der letzten Tür zur Rechten angekommen überreichte sie ihm den Schlüssel den sie während des kurzen Weges von ihrem Schlüsselring abgetrennt hatte. „Keines der ist Zimmer belegt, da wie ich sagte im Moment kaum Menschen von Außerhalb in unseren Ort kommen. Dies hier ist das größte Zimmer das ich Euch bieten kann.“
„Für mich bedarf es keinem großen Zimmer, ich werde sowieso kaum hier sein.“
Die Wirtin hob abwehrend die Hand und drückte seine Finger fest um den Schlüssel den sie ihm gegeben hatte, ihr Blick war auf ihre beider Hände gerichtet. „Was eure Bezahlung angeht... Mehr können wir Euch wirklich nicht bieten als den kleinen Betrag den ich in meinem Gesuch schrieb. Ich dachte schon ihr würdet für so ein paar mickrige Silbertaler gar nicht erst kommen. Ich kann euch nicht einmal verpflegen. Es ist mir eine Schande um Hilfe zu bitten, daher lasst mich doch zumindest alles dafür tun...“ ,ein Zeigefinger verschloss ihre Lippen. Mit von Tränen verschleierten Augen blickte sie zu dem Jäger auf. Der Ausdruck in seinem Gesicht wirkte kühl, aber seine leise Stimme hatte etwas beruhigendes. „Ruhe. Ich bin vollkommen zufrieden mit allem, wie es ist. In Ordnung?“
Nachdem sie ihm zögerlich zugenickt hatte nahm er seinen Finger wieder von ihren Lippen und entzog seine Hand ihrem festen Griff. Behutsam schob er sie zur Seite um an die Tür zu seinem Zimmer zu gelangen und steckte den Schlüssel in das Loch.
Die Wirtin ging einige Schritte rückwärts und deutete eine Verbeugung an, ihr Gesicht wirkte plötzlich um viele Jahre gealtert. „Wenn ihr dennoch etwas braucht, ihr findet mich unten.“
Mit einem leisen Klicken fiel die Tür hinter Fisk ins Schloss. Seine Augen brauchten einen Moment lang bis sie sich nach dem Dämmerlicht des Flures an die Helligkeit in seinem Zimmer gewöhnt hatten. In dem überraschend geräumigen Zimmer stand ein breites Bett, wahrscheinlich war diese Räumlichkeit sonst einem verheirateten Paar vorenthalten. Dazu gab es einen Schrank aus edlem Kiefernholz, einen Tisch und zwei Stühle. Was ihn aber wohl am meisten überraschte war ein gusseiserner Ofen unweit des Bettes, daneben stand ein kleiner Korb mit einigen Holzscheiten. Frieren musste er wohl erst einmal nicht mehr, darüber war er mehr als froh.
Er ging zu einem der kleinen Fenster. Im Gegensatz zu dem Anderen blickte man nicht direkt auf die Mauer des Nachbarhauses. Es spendete reichlich Licht und er konnte hinunter in einen kleinen Hof blicken. Dort sah er einen kleinen Garten, in dem alles Leben durch den Winter schon zum Erliegen gekommen war, aber er vermutete dass die Wirtin dort einiges an Obst und Gemüse selbst anbauen konnte. Hinter dem Garten konnte er einen Verschlag erkennen, der ganz nach einem Hühnerstall aussah. Das sollte sein Begleiter Veldig besser nicht spitz bekommen. Viel mehr konnte er neben einer weiteren Häuserwand und der Mauer des Dorfes nicht erkennen. Die Mauer wahr nicht all zu hoch, dahinter konnte er in einiger Entfernung schon die ersten Baumkronen des Waldes aufragen sehen.
Nachdem der Waidmann seine Reisetasche aus dem Stall geholt hatte und Veldig von der Last seines Sattels erlöst, beschloss er sich in dem Dorf ein wenig umzusehen.
Mittlerweile hatte sich der Himmel durch dichte, graue Wolken verdunkelt und hier und da rieselten ein paar Schneeflocken hinab. Kraic war kein so winziges Dorf wie er zunächst angenommen hatte. Als er so durch die gepflasterten Gassen schlenderte kam er an an allerlei Geschäften von verschiedenen Handwerkern vorbei, es gab Schneiderinnen, Gerber, einen Juwelier, ja sogar einen kleinen Laden mit den edelsten Duftwässerchen entdeckte er.
Das Dorf hatte durchaus ihren Charme, die Straßen waren zum größten Teil recht sauber, sogar das kleinste Häuschen hatte Fensterscheiben aus Glas und nun erstreckte sich vor ihm ein großer, runder Marktplatz. Er bot Freiraum für allerlei Stände, er konnte sogar erkennen dass überall noch Vorrichtungen waren wo man Vieh hatte anbinden können. In den Rinnsalen fanden sich noch Spuren von Stroh und Heu.
Doch eine Sache verlieh der gesamten Atmosphäre des Dorfes etwas düsteres. Die Stille.
Auf den Straßen, und von denen hatte er einige durchstreift, hatte er kaum Menschen erblickt. Und jene die seinen Weg gekreuzt hatten, warfen ihm verstörte Blicke zu. Dabei hatte er extra wieder sein dickes Fell übergezogen um seine Waffen zu verbergen. Oftmals machten sie die Menschen nervös.
Mittig auf dem großen Platz befand sich eine Überlebensgroße Statue die in erhabener Pose auf einem Podest errichtet war. Der Mann wahr wohl genährt, hatte volles, lockiges Haar und einen Schnauzbart der sich zu beiden Seiten verspielt nach oben kringelte. Seine Kleidung war vom aller feinsten und die Spitzen seiner Schuhe waren nach oben gebogen. Fisk fand diese Darstellung mehr als lächerlich.
Als er näher an die Statue heran trat konnte er eine bronzene Plakette erkennen die an dem Sockel befestigt war. Ihre Aufschrift lautete: Bürgermeister Ivan Müllebreck. Gute Seele und Beschützer von Kraic. Der Waidmann musste schmunzeln, selten hatte er solch etwas lächerliches gesehen.
Er hatte genug vom Dorf in Augenschein genommen. Sein Weg führte ihn weiter, an einer Kirche vorbei, zu einem kleinen Pfad der aus Kraic hinaus führte.
Seine Füße kamen an den ersten Büschen und Sträuchern zum stehen, er war nur noch wenige Schritte von den ersten Baumreihen entfernt. Vor ihm lag der verfluchte Wald.
Alles war von Frost und zartem Puderschnee bedeckt. Kahle Äste schraubten sich dem Himmel entgegen und ein kalter Wind brachte die kleinen Zweige zum Rascheln. Ihm fiel es sofort auf. Wieder diese Stille.
Nichts schien sich aus dem Inneren des Waldes zu regen, nicht einmal das Zwitschern der Vögel war zu hören. Alles was an sein Ohr drang waren die Geräusche des verschlafenen Dorfes hinter ihm.
Langsam schob er seine Füße voran, passierte die ersten Bäume. Die gefrorenen Blätter unter seinen Stiefeln knirschten leise. An seinem Rücken verspürte er ein leises Summen, plötzlich blieb er stehen und ballte die Hände zu Fäusten. Er wusste was das Summen bedeutete. Sein Schwert spürte etwas, etwas das hier an diesem Ort nichts zu suchen hatte.
Noch ein wenig langsamer ging er weiter, blickte nach Rechts und nach Links. Das Knacken eines Astes durchbrach die Stille so abrupt dass es in seinen angespannten Ohren schmerzte. Der Schnee, welcher einem Ast zur Last geworden war, rieselte zu Boden. Fisk suchte die Baumkronen ab, doch in den kahlen Zweigen konnte sich nichts verbergen.
Gerade als er seinen Weg fortsetzen wollte, erblickte er einen Schatten weit hinten im Unterholz. Eine dunkle merkwürdig geformte Silhouette hob sich von denen der Bäume ab. Ihm war als starrte es ihn an. Ein Gesicht erkannte er nicht, aber es starrte ihn an. Er wusste es.
Ein Lauter Ruf hallte durch den Wald, der Jäger wirbelte blitzschnell herum und fuhr mit seiner Hand unter das dicke Fell. Seine Finger schlossen sich gerade um den Griff der Armbrust als er einen Mann erkannte, welcher ihm mit einem Arm wild zuwinkte. „He! Ihr da! Geht nicht in den Wald!“ Fisk blickte wieder zurück, dort zwischen den Bäumen wo er den Schemen ausgemacht hatte, war nichts mehr zu erkennen. Suchend schweifte sein Blick umher, doch was immer ihn beobachtet hatte, war verschwunden.
Seufzend ließ der Waidmann seine Armbrust wieder los und ging mit langen Schritten zurück zu dem Mann, der einen gehörigen Abstand zum Waldesrand gelassen hatte und ihm immer noch mit einem Arm zuwinkte. Mit dem zweiten stützte er sich auf einer Schaufel ab. Die Kleidung des alten Mannes sah bereits sehr verschlissen aus, auf seinen Knien waren bereits zu beiden Seiten große Flicken angebracht. Die unrasierte Haut seines faltigen Gesichts hing schlaff herab und unter seinem Hut ragten ein paar graue, verfilzte Haare heraus.
„Seid ihr denn noch ganz bei Sinnen den Wald zu betreten? Hat euch niemand davor gewarnt Fremder?“
„Doch. Wegen dieses Waldes bin ich überhaupt hier.“ Der Waidmann kam kurz vor dem Mann zum stehen, der ihm nun ein fast zahnloses Grinsen schenkte. Hier und da waren noch einige faule Stummel erhalten geblieben. „Ah ihr seid der Jäger, stimmt´s? Die Witwen haben das Geld für euch zusammen gekratzt.“
„Nein. Die Wirtin...“ ,der alte Mann machte eine wegwerfende Handbewegung und rammte seine Schaufel in den gefrorenen Boden, sodass ein paar Splitter harter Erde davon flogen. „Ja, sag ich doch. Die Witwen.“ Der glasige Blick des Mannes musterte Fisk eine ganze Weile dann drehte er sich herum und humpelte wieder den kleinen Pfad entlang, seine Schaufel nahm er als Ersatz für einen Gehstock. „Kommt mit.“
Noch einen Blick warf der Jäger über seine Schulter und erhoffte noch irgendetwas verdächtiges zu erblicken, aber der Wald lag still und ruhig da.
„Ihr sagtet die Witwen hätten mich gerufen? Mina Bach, die Wirtin hatte das Hilfegesuch versandt.“
Jene Frau die ihm vielleicht doch nicht alles erzählt hatte.
Der alte Mann ging hinkend den schmalen Pfad zurück in das Dorf. „Sie und ein paar andere Frauen haben all ihre letzten Silbertaler zusammen gekratzt wie ich hörte um Euch zu rufen. All diese Frauen müssen sich, seit ihre Männer fort sind, allein durchschlagen versteht ihr? Es kommen kaum noch Besucher nach Kraic und das Leben ist hart geworden. Der Winter wird viele Mägen leer lassen. Wir legen viel Hoffnung in Euren Besuch.“
Fisk hob skeptisch eine Braue. „Warum müssen ein paar Frauen mich rufen? Gibt es nicht andere die...“ ,bevor er weiter sprechen konnte, grunzte der alte Mann laut und spuckte auf den Boden. „Ihr stellt die falschen Fragen! Weil ihre Not am größten ist natürlich. Die anderen denken sie werden es irgendwie noch schaffen, und wieder andere scheißen sich lieber Haufen in ihre Hosen vor lauter Angst sie könnten die Dämonen des Waldes nur noch mehr verärgern, wie der Bürgermeister es überall herum erzählt.“
„Aha. Dämonen. Was erzählt der Bürgermeister noch?“
Wieder begegneten ihm die glasigen Augen des alten Mannes, sein Zahnloses Grinsen überzog sein ganzes Gesicht. „Der fette Bastard? Na dass sich Dämonen in unseren Wäldern herum treiben! Sie wurden uns von Gott gesandt“ , er machte eine wegwerfende Handbewegung hoch in den Himmel, „Weil wir nicht genug beten. Macht einen auf streng gottesfürchtig das fette Schweinchen. Er sagt wir müssen nur ausharren und beten, dann würden die Dämonen rasch von uns ablassen und bessere Zeiten würden wieder heran brechen.“
Fisk leckte sich unter seinen Lippen über die oberste Zahnreihe. „Ihr mögt den Bürgermeister nicht sehr, was?“ Nochmal spuckte der alte Mann auf den Boden und rammte bei jedem Schritt seine Schaufel fester vor seine Füße. „Machen viele nicht. Aber sie sind zu feige, haben Angst verstoßen zu werden. Wisst Ihr, niemand aus den anderen Städten und Dörfern rund herum nimmt Bürger aus Kraic auf, die vor all dem hier geflohen sind. Sie denken nicht nur unsere Wälder seien verflucht, sondern wir auch. Man hat keine Wahl, entweder man verhält sich ruhig, oder man leckt dem Bastard die schicken Stiefel in der Hoffnung in seinem Arsch noch ein paar Krümel Brot zu finden.“
Die beiden Männer bogen am Rande der Kirche auf einen kleinen Pfad ein, der unter den tief hängenden Armen einer Trauerweide hindurch führte. „Wolltet Ihr mir etwas zeigen, oder warum rieft ihr mich zurück?“
„Bist ein ganz schlaues Bürschchen.“ Der alte Mann öffnete den morschen Zaun und betrat mit dem Jäger im Rücken den Friedhof von Kraic. Sie gingen hindurch zwischen verwitterten Holzkreuzen und ein paar Steinen mit Inschriften der besser Betuchten. Unter der leichten Decke aus Schnee konnte der Waidmann die Hügel noch gut ausmachen unter denen die Toten ruhten, ohne versehentlich auf eines der Gräber zu treten.
Vor ihnen stand, an einem offenem Grab, ein Mann in weißer Kutte und zitterte vor Kälte am ganzen Leib. Auch sein Buckel war vom Alter bereits krumm geworden und das letzte bisschen Haar dass ihm noch geblieben war, zierte seinen Hinterkopf in der Form eines kleinen Kranzes. Er hob seinen Kopf und blickte sichtlich verärgert den Beiden entgegen. „Da seid Ihr ja! Wen habt Ihr denn da angeschleppt?“
Kichernd blieb der Mann mit der Schaufel stehen und deutete mit seinem Kinn hinüber zu Fisk. „Das ist der Nebeljäger.“
Mit großen Augen starrte der andere Mann ihn an, und kniff sie direkt vor Skepsis so weit wieder zusammen, dass nur noch zwei schmale Schlitze zu sehen waren. „Aha. Und der soll die Dämonen vertreiben?“ Fast schon drohend hob er einen Finger in die Luft und wedelte damit vor Fisks Gesicht herum. „Ich, Pfarrer Petersen bete für dieses Dorf! Gott wird es sein der unsere Gebete erhört und uns schließlich von den Dämonen befreit. Wir brauchen Euch nicht.“
„Meine Auftraggeberin denkt da etwas anders.“ Über die dreiste Antwort des Jägers wich der Gläubige zurück und schüttelte verdrießlich seinen Kopf. Fisk fuhr sich über die Stoppeln an seinem Kinn um ein Schmunzeln zu unterbinden. „Woher wollt Ihr denn wissen dass es Dämonen sind, die hier ihr Unwesen treiben?“
Der Pfarrer ging so dicht an den Waidmann heran, dass dieser seinen schlechten Atem riechen konnte. Und auch in seinen Augen sah er die Wut ihm gegenüber. Er, der Fremde, der in das Dorf gekommen war um zu zeigen dass ein paar Gebete nicht ausreichend waren, um dem Spuk ein Ende zu setzen. „In Jeder Nacht zum Ruhtag kommen sie einen Ungläubigen holen! Alle die, welche von den Dämonen fort gebracht wurden, waren alles Sündiger. Ich kannte sie alle! Sie alle haben bei mir ihre Beichten abgelegt. Aber alles haben sie mir nicht immer erzählt, es waren meine wachen Augen die ihr sündiges Verhalten enttarnt haben.“ Der Gläubige ging wieder vor das offene Grab und starrte hinein. „Außerdem erwarte ich gleich meinen nächsten Beweis!“ Er winkte den alten Mann mit der Schaufel zu sich und deutete auf das Grab zu seinen Füßen. „Totengräber! Sagt was Ihr gefunden habt!“
Mit seinem Zahnlosen Grinsen ging der alte Mann um das Loch im Boden umher, und nutzte seine Schaufel weiterhin als eine Art Gehstock. „Etwas dass Euch sicher gefallen wird heiliger Vater. Ihr hattet Recht. Die Toten rebellieren.“
Fisk trat näher an die beiden Männer heran als sich der Totengräber schwerfällig hinab in das Grab begab. Der Sarg war aus Stein, ein Zeichen dass hier einer der Wohlhabenden ehemaligen Bewohner lag. Nur die wenigen konnten sich einen Steinsarg leisten, selbst einer aus Holz war für die meisten schon zu viel, und ihre Liebsten verrotteten in Leinentüchern daher.
Der Totengräber schob den Sargdeckel stöhnend einen Spalt zur Seite und nutzte seine Schaufel dazu die Platte vom Grab weg zu hebeln.
Leere Augenhöhlen starrten hinauf in den grauen Himmel. Fast vorwurfsvoll blickten sie auf die drei Männer empor die seine letzte Ruhe störten. Die Kleidung war fast gänzlich verfault und die blanken Knochen befreit von jeglichem Fleisch.
Angewidert hielt sich der Pfarrer ein feines Taschentuch vor Mund und Nase während er sich vorbeugte um sich den Toten besser an zu sehen. „Ja, und was hast du nun herausgefunden?“
Unter der langen Krempe seines Hutes konnte der Waidmann noch immer das zahnlose Grinsen erkennen während der Totengräber den Leichnam genau musterte. Seine Stimme schnarrte leise, fast ein Hauch von Verzücken war zu erkennen aufgrund des Stolzes, den er empfand weil er eine solch bedeutende Entdeckung gemacht hatte.
Mit seinem knochigen Finger deutete er auf die Hände des Toten, die wie zu einem Gebet auf seiner Brust verschränkt waren. „Seht ihr die Fingerspitzen? Sie sind abgeschürft, fast die Hälfte der ersten Fingerknöchel fehlt bereits.“ ,sein Fingerzeig richtete sich auf die Unterseite der Grabplatte. „Und hier hat er sie sich abgewetzt. Seht die Kratzspuren!“
Der Pfarrer riss seine Augen so weit auf, dass es wirkte als würden sie jeden Augenblick komplett aus seinem Kopf treten. So weit vornübergebeugt verlor er das Gewicht und drohte in das offene Grab zu stürzen. Mit rudernden Armen fand er im letzten Augenblick sein Gleichgewicht wieder und stolperte ein paar Schritte rückwärts. Rasch und mit zitternden Händen bekreuzigte er sich, dazu sprach er im Flüsterton ein Gebet. Er war unfähig die Augen von dem schrecklichen Anblick abzuwenden.
Fisk sprang ungefragt hinab in das Loch, und stellte sich in den kleinen Spalt neben dem Grab, welchen der Totengräber noch zusätzlich geschaufelt hatte. Als er sich über den Toten beugte betrachtete er genau dessen Fingerkuppen die schon gar nicht mehr als solche zu erkennen waren. Der Knochen war deutlich abgerieben. An allen Fingern, mit Ausnahme des Daumens.
Der Waidmann legte den Kopf leicht schief und beäugte nun die Kratzspuren an dem Deckel des Sargs. Es war wirklich so als wäre hier jemand lebendig begraben worden, und hatte versucht sich zu befreien.
Eine seiner Hände schälte er aus seinen Handschuhen und fuhr mit seinen Fingern über die Kratzspuren. Sie waren nicht tief, und als er seine Fingerspitzen aneinander rieb konnte er den feinen Knochenstaub zwischen ihnen spüren.
„Ihr schändet die letzte Ruhe des Toten!“ Empörte sich der Pfarrer vom oberen Rand des Grabes.
Ohne aufzusehen bekam er vom Waidmann die passende Antwort, begleitet von einer Kälte in der Stimme die den heiligen Mann verstummen ließ.
„Das habt Ihr bereits getan als Ihr dieses Grab ausheben ließt. Mich würde mal interessieren wieso Ihr das zugelassen habt?!“ Als aber der Pfarrer das Schweigen statt einer Antwort vorzog, schnarrte der Totengräber neben ihm los, während dieser in das wütende Gesicht des Heiligen hinauf blickte.
„Unser Heiliger Vater vernahm des Nachts dumpfe Schreie und ein leises Scharren vom Friedhof. Nacht für Nacht. Als würden die Toten versuchen aus ihren Gräbern auszubrechen. Oder etwas ihre friedliche Ruhe stören, sodass sie der Ursache selbst auf den Grund gehen wollten.“
Fisk betrachtet den feinen Knochenstaub auf den Fetzen die auf des Toten Brust lagen, und wohl einmal ein Hemd gewesen waren.
„Und warum habt ihr gerade dieses Grab ausgehoben?“ ,wollte er von dem Totengräber wissen.
„Wisst ihr eigentlich wie viele Tage ich damit verbracht habe diesen gefrorenen Boden aufzubrechen und mich bis zu dem Grab durch zuschaufeln? Vier Tage!
Da dieses Grab hier durch den massiven Grabstein vom kalten Ostwind geschützt war, und zudem unter dem Schutz der Äste der Trauerweide lag, habe ich mich für es entschieden. Es werden ja wohl nicht nur ausgewählte Tote randalieren, daher spielte es keine Rolle welches Grab ich aushebe. Mein Rücken ist nicht mehr der beste, daher habe ich das genommen was vielleicht am einfachsten war.“
Die ausführliche Antwort tat der Waidmann mit einem Nicken ab und bäumte sich wieder zu seiner vollen Größe auf. Er konnte keinen Hinweis darauf erkennen dass der Totengräber das ganze hier nur inszeniert hatte. Die Höhe der Kratzer auf der Steinplatte stimmten mit der Höhe der Hände des Toten überein, und es waren eindeutig seine Finger gewesen die diese Kratzer hinterlassen hatten.
Nachdem Fisk sich aus dem Grab gehoben hatte, bot er seine Hand dem Totengräber an, welcher sie dankbar annahm.
Der Pfarrer machte eine ärgerliche Handbewegung. „Ich werde mit dem Bürgermeister sprechen und veranlassen dass ab heute jeden Morgen, jeden Mittag und jeden Abend eine Messe zusätzlich einberufen wird. Wir alle sollten zusammen dafür beten dass die Dämonen verschwinden und die Toten ihre Ruhe wieder finden.“
Nachdem er sich zum Gehen abwandte, humpelte ihm der Totengräber nach und streckte seine knochige Hand aus. „Und was ist mit meinem Lohn? Ich habe vier Tage lang gefrorene Erde gehackt.“
Die kalten Augen des Pfarrers mahnten den alten Mann nicht so gierig zu sein. Er strich seine weiße Kutte glatt und wandte sich wieder ab. „Gottes Dank ist Euer größter Lohn. Woher soll ich als Heiliger Vater der nichts besitzt, euch bezahlen?“
Nachdem der Pfarrer außer Hörweite war, spie der Totengräber auf den Boden und fluchte verbittert. „Gottes Dank kann ich aber nicht fressen du dreckiger Hund!“
„Ihr scheint den Heiligen Vater nicht sehr zu mögen?!“
„Pah! Glaubt er kann hier einen auf selig machen und davon sprechen er wisse alles über die Sünden der Anderen. Habt ihr seinen fetten Wanst gesehen? Frisst sich jeden Abend an der Tafel des Bürgermeisters voll und nimmt das Gold aus dem Klingelbeutel um sich danach noch heimlich eine Flasche Wein zu kaufen.
Er denkt ein alter Sack wie ich ist blind und taub was?“ Verärgert machte sich der Totengräber wieder daran die harten Erdbrocken um das Grab herum wieder zusammen zu kratzen und die Ruhestätte des Toten erneut zu versiegeln.
„An der Tafel des Bürgermeisters? Ich dachte die Bewohner von Kraic leiden Hunger?“ Fisk rieb sich wieder über seine Bartstoppeln und warf einen Blick in die Richtung in die der Pfarrer verschwunden war. Durch die Buntglasfenster der Kirche konnte er erkennen wie nach und nach im Inneren Kerzen angezündet wurden und Flackerndes Licht in die kommende Dämmerung des Abends warfen.
Der zornige Unterton in der Stimme des Totengräbers schwoll um ein vielfaches an. Noch eifriger machte er sich daran die harte Erde zu zerschlagen und die kleinen Krümmel in das Grab zu füllen.
„Die Normalsterblichen müssen Hungern, während sich der reiche Pöbel ihre fetten Bäuche vollschlägt. Ist doch immer so! Ich habe es selbst gesehen und gehört! Meine Frau ist Köchin des Bürgermeisters. Sie hat mir erzählt wie voll die Speisekammer steht´s ist, und da ich es nicht glauben wollte, holte ich sie eines späten Abends selbst ab und konnte einen Blick hinein werfen. Alles was das Herz begehrt lagert dort! Und wir müssen uns die Maden aus der Hirse klauben und eine dünne Suppe daraus kochen um nicht zu verhungern.“ Nach seinen Worten spuckte er wieder auf den Boden.
Der Waidmann betrachtete den Totengräber einen langen Augenblick und bewegte seinen Unterkiefer langsam hin und her als würde er seine Gedanken ganz genau zermalmen müssen bevor er sie ordnen konnte. Er war erst einen halben Tag hier und hatte einiges erfahren, von dem manche Dinge nicht gerade neu waren. Gierige Adlige und scheinheilige Pfarrer gab es in jeder gesunden Gemeinde wie Sand am Meer.
Eine warme Hand legte sich auf die Schulter des Totengräbers und brachte ihn dazu seine harte Arbeit zu unterbrechen. Der Waidmann drückte ihm einen Goldtaler in die Hand und schloss die knochigen Finger des ungläubig drein blickenden Mannes darum.
„Für eure Arbeit.“ Mit diesen Worten wandte er sich ab und ging durch die Straßen zurück zum Gasthaus. In seinen Gedanken kreiste nur eine Frage. Was konnte die Ruhe der Toten so sehr stören, dass sie die Flucht aus ihren Gräbern anstrebten? Welches Grauen nahmen sie wahr, von dem er vielleicht noch nichts ahnen konnte?
Als Fisk die Gaststätte erreichte, wurde der Himmel schon deutlich blasser, dennoch würde es noch mehr als eine Stunde dauern bis die Sonne unter ging. Um so mehr wunderte es ihn, dass er Musik vernahm, als er sich der Tür zum Innenraum näherte.
Das Murmeln mehrerer Gäste die sich an den runden Tischen der Bar niedergelassen hatten, verstummte fast gänzlich als der Waidmann eintrat. Jedes anwesende Augenpaar war auf ihn gerichtet.
Nur ein Barde, ganz hinten in der rechten Ecke auf einer kleinen Anhöhe, saß weiterhin schunkelnd auf seinem Stuhl und gab ein Lied zum besten. Einige der Gäste steckten die Köpfe etwas näher zusammen und nahmen ihre Gespräche wieder auf.
Die Wirtin Mina winkte den Jäger heran und deutete auf einen Hocker zwischen einer Gruppe von Männern, die ähnliche Hüte wie er auf seinem Haupt trugen. Jäger. Gewöhnliche Jäger.
Fisk seufzte leise und ließ sich auf dem freien Platz nieder, als Mina bereits mit einem großen Krug auf eines der Bierfässer zuhielt, hob er eilig die Hand.
„Habt ihr vielleicht noch etwas anderes als Bier?“
Für einen Moment lang wurde er aus großen Augen fragend angestarrt. Jeder in Kraic liebte dieses Bier abgöttisch, wieso sollte er etwas anderes wollen? Verdutzt ging sie an dem großen Regal hinter sich entlang in welchem Flaschen verschiedenster Art ihren Platz gefunden hatten.
„Habt ihr Rum da?“ Die Frage des Jägers brachte ihm noch mehr fragende Blicke ein.
Ohne ein Wort zu sagen nahm Mina eine der staubigsten Flaschen aus dem Regal und schenkte ihm ein wenig des klaren Alkohols ein. Etwas unsicher schob sie ihm das nicht einmal halbvolle Glas hin, doch der Jäger machte eine wedelnde Handbewegung sie solle das Glas doch bitte wieder zurück nehmen. „Etwas voller bitte.“
Mina schluckte und füllte das Glas bis zum Rand und schob es ihm wieder hin.
Fisk, ein dünnes Lächeln auf den Lippen, nahm einen guten Schluck des Gesöffs und atmete tief durch. Erst dann schenkte er den Männern um ihn herum Aufmerksamkeit.
„Nun denn. Ihr sitzt doch nicht alle zufällig hier oder? Was brennt euch unter den Nägeln?“
Ein stämmiger Mann zu seiner Linken stemmte eine seiner Fäuste in die Seite und beugte sich weit zu Fisk vor. „Ihr seid tatsächlich ein Nebeljäger?“ Nachdem sein Gegenüber nicht die Höflichkeit besaß auf seine Frage zu antworten schnaubte der Jäger genervt auf und kratzte sich an seinem Bierbauch. „Ich meine... habt Ihr keine Manieren? Setzt Euch hier in voller Montur an den Tisch und legt nicht einmal Eure Waffen ab?“
Fisk nahm noch einen Schluck und leerte das Glas fast bereits schon, wenn das so weiter ginge, würde er vielleicht doch noch ein zweites gebrauchen können.
Diesmal drehte auch er sich auf seinem Hocker zu dem anderen Jäger herum und lehnte sich entspannt am Tresen an.
„Komm zum Punkt, und kau mir kein Ohr ab. Was ich mache oder lasse geht nur mich und meinen Auftraggeber etwas an.“ Langsam rollte sein Kopf zu Mina hinüber die noch immer auf sein Glas mit dem verbliebenen Rum starrte.
„Stört es Euch wenn ich meine Waffen trage?“ Die Wirtin zog ihre Schultern hoch und warf sich ein Handtuch, welches sie zum Abtrocknen der Gläser verwendete, über die Schulter.
„Ich denke nicht. So wärt ihr bereit wenn es zu einem Angriff kommt. Außerdem denke ich nicht, da ich Euch einlud, dass ihr beabsichtigt hier Ärger zu machen.“
Fisk lächelte ihr zu, sein Kopf rollte wieder langsam über seine Schulter nach vorn. Bis er in das rote Gesicht des anderen Jägers blickte, war sein Lächeln bereits erloschen.
„Also. Kommt zum Punkt.“
Das aufgedunsene Gesicht des Jägers färbte sich noch mehr rot, sein Mund schnappte auf wie der eines Fisches. Bevor er allerdings sagen konnte, was ihm auf der Seele lag, schob sich eine Hand auf dessen Schulter um ihn zu beruhigen.
Hinter dem Koloss erhob sich ein weiterer Jäger der Gruppe von seinem Platz, und trat an die Seite seines Kollegen.
Sein dichter Bart zog sich auseinander und offenbarte eine Reihe gepflegter Zähne. „Entschuldigt meinen Freund hier. Mein Name ist Ron. Wir sind die Jäger dieser Stadt.
Es ist nur so, dass ganz Kraic bereits in Aufruhr ist vor Freude dass ihr zu uns gekommen seid. Ihr müsst wissen, wir alle leiden unter der momentanen Situation und daher liegen unsere Nerven etwas blank.“
Grimmig warf er seinem Kumpanen einen Blick zu und gab ihm ein Zeichen, den Platz frei zu machen.
Nachdem sich Ron wieder niedergelassen hatte, stützte er sich mit beiden Händen auf seinen Knien ab und beugte sich Fisk entgegen. Sein Lächeln erlosch.
„Viele von uns haben ihr Leben in den Wäldern gelassen als sie versuchten dem Grauen ein Ende zu setzten. Das Grauen, was uns schon so lange in dieser Starre hält. Jäger, Soldaten, wirklich gute und erfahrene Männer unserer Stadtwache zogen in die Wälder und kehrten nie zurück.
Der König schickt uns keine Hilfe, wahrscheinlich hat er uns schon aufgegeben. Wir sagen uns immer, wir geben nicht auf. Komme was wolle. Aber unsere Hoffnung schwindet denn wir blicken einem harten Winter ohne Vorräte entgegen.
Ihr seid unsere letzte Hoffnung, Nebeljäger.“
Mit seinem Kinn deutete er auf Mina, die sichtlich mit den Tränen kämpfte, dann fixierte er wieder die blauen Augen von Fisk.
„Lady Bach, die erst vor kurzem ihren Mann verlor, hat den meisten Mut von uns allen bewiesen und Euch ein Hilfegesuch geschrieben. Wir wollen Euch nur klar machen, wie viel für uns auf dem Spiel steht. Wenn ihr uns nicht helfen könnt, dann wissen wir nicht, wen wir noch um Rat fragen sollten.“ Ron beugte sich noch ein wenig weiter vor und setzte zum Flüsterton an, als fürchte er seine Worte könnten von den falschen Ohren aufgeschnappt werden.
„Uns wird immerzu gesagt wir sollen die heiligen Messen besuchen und beten. Es heißt dieser Fluch ist über uns gekommen, weil viele von uns Sünde im Herzen tragen, und all der Schrecken würde enden, wenn alle Sündiger von den Ungeheuern geholt wurden.
Doch soll ich Euch etwas sagen? Ich gebe nichts auf Gebete! In der letzten Woche holten sie meinen Bruder, und der liebe Gott sollte eigentlich wissen dass es keinen frommeren Mann als ihn in ganz Siont gegeben hat!“
Fisk hielt sein Glas ein wenig hoch und schwenkte den letzten Schluck eine Weile lang hin und her, bevor er ihn brennend seine Kehle hinab sickern ließ. Als er das Glas wieder abstellte ließ er einmal die Schultern kreisen und nahm seinen Hut ab.
„Warum nennt ihr die Lady Bach mutig nur weil sie mir ein Hilfegesuch geschickt hat? Dafür braucht man keinen Mut.“
Er konnte den empörenden Blick der Wirtin aus dem Augenwinkel erahnen. Viele Köpfe drehten sich aufgrund der dreisten Bemerkung zu dem Jäger herum. Der Barde bemerkte dass die Stimmung im Gasthaus deutlich drohte zu kippen. Einige Männer erhoben sich von ihren Plätzen und ballten die Hände zu Fäusten. Bereit ihm jeden Zahn einzeln aus seiner Visage zu prügeln.
Fisk lehnte sich mit seinem Rücken an den erstarrten Mann, der hinter ihm saß, hob sein Bein und stellte seinen Fuß auf das Stückchen Hocker welches zwischen Rons gespreizten Beinen hervor lugte.
Die Arme vor der Brust verschränkt zuckte Fisk mit den Schultern und legte den Kopf leicht schief während er Ron genau taxierte.
„Ihr missversteht mich. Das sollte keine Anfeindung sein. Ich will nur wissen, was ihren Mut ausmacht.“
Sein Gegenüber starrte ihn aus zusammen gekniffenen Augen an, und deutete auf die Wirtin.
„Diese Frau hat ganz allein das Dorf in früher Morgenstunde verlassen, und hat sich bis hoch zur Küstenstraße durchgeschlagen um einen Boten abzupassen dem sie das Hilfegesuch überbringen konnte. Diese Straße führt eigentlich auch hinab in unser Dorf, aber niemand traut sich mehr zu uns. Bis zu dieser Straße und wieder zurück, benötigt man mehr als einen Tag.
Doch diese Frau, hat es ganz allein geschafft, in den letzten Atemzügen des Tageslichts wieder hier her zurück zu gelangen!“
Ron setzte sich auf seinem Stuhl wieder auf, und richtete mit hartem Blick über die verspottende Art des Jägers. „Nur damit Ihr es wisst. Für des Nachts wurde eine Ausgangssperre errichtet. Sobald die Dunkelheit herein bricht, muss jeder seine Fenster und Türen verriegelt haben.
Wer dennoch erwischt wird, landet im Kerker. Die Stadtwache duldet keine Ausnahmen. Könnt Ihr Euch vorstellen was man zu diesen Zeiten im Kerker zu essen bekommt? Gar nichts. Man verrottet dort unten!“
Fisk fuhr sich mit seiner Hand nachdenklich über seinen Bart und schürzte die Lippen.
„Eine solch harte Ausgangssperre? Wofür? Ich hörte die Ungeheuer kommen nur in der Nacht zum Ruhtag in das Dorf.“
Nun war es der Jäger mit dem wohl genährten Bauch, welcher sich neben Ron stellte und wütend die Arme in die Luft schmiss. Seine laute, krächzende Stimme erfüllte die ganze Gaststätte.
„Seid ihr ein Idiot? Vorschriften sind Vorschriften! Sie dienen unserer Sicherheit! Diese Dämonen lauern doch nur darauf dass sich jemand hinaus wagt den sie zerfleischen können!“
Fisk hielt der Wirtin sein Glas hin und deutete damit auf die Flasche Rum. Ihr Blick war finster als sie ihm neuerlich eingoss. Mit einem Lächeln auf den Lippen hielt Fisk sein Glas in die Höhe und nahm eine weitaus entspanntere Haltung ein.
„Ein Hoch auf den Mut der Lady Bach. Mir war nicht bewusst welches Risiko diese Dame auf sich genommen hat um mich hier her zu rufen.“ Mit einem Zwinkern blickte er nochmals zu Mina und flüsterte leise. „Nichts für ungut.“
Ein wenig unsicher erhoben sich die meisten der Gäste wieder und prosteten dem Fremden mit ihren Krügen zu. Niemand wusste recht wie sie das Verhalten des Waidmanns einschätzen konnten.
Fisk ließ den Blick durch die anwesenden Gäste schweifen und breitete seinen Arm mit dem Glas in der Hand aus. „Wenn noch jemand beabsichtigt einem unwissenden Fremden wie mir ein paar Informationen zu geben, die mir vielleicht helfen könnten, ach dann wäre ich auf jeden Fall sehr dankbar.
Jede Kleinigkeit, sei sie auch noch so unbedeutend, höre ich mir gern an. Schließlich will ich euch so rasch wie Möglich wieder den Frieden in eure Straßen bringen!“
Sofort entstand ein Wirrwarr aus Stimmen und Rufen, alle diskutierten und überlegten ob es etwas Wichtiges gab, dass der Jäger unbedingt wissen musste.
Ron starrte den Fremden noch immer finster an, er fühlte sich unsicher. Die Worte des Nebeljägers waren freundlich gewesen, aber er glaubte dass eben dieser Fremde sie alle gerade in diesem Moment verhöhnte.

Alle Gäste sahen zu, dass sie schon lange vor Sonnenuntergang in ihre Häuser zurück kehrten, um diese für die Nacht zu verriegeln.
Nur einer hatte sich schon früher aus einer Ecke der Gaststätte geschält und sich auf den Weg gemacht. Er führte ihn nicht nach Hause. Sein neu erlangtes Wissen wollte weiter getragen werden.
Fisk hatte Mina und ihrem Sohn noch geholfen sämtliche Fenster und Türen zu verrammeln. Als die Wirtin sich an die letzte, die Eingangstür, machen wollte, hielt der Jäger sie auf.
„Ich sollte schon draußen sein, bevor ihr die Tür verriegelt.“ Mina starrte zu dem Waidmann auf, sein Grinsen konnte sie nicht erwidern.
„Ihr wollt hinaus? In einer Ruhtagnacht? Aber sie werden heute kommen...“
Fisk setzte seinen Hut wieder auf und richtete seinen Mantel ein letztes Mal. Es war nur ein Schulterzucken dass er der Wirtin schenkte bevor er sein Schwert wieder auf den Rücken schnallte.
Seine blauen Augen wirkten wie ein eisiger Hauch der sie streifte, und jagte Mina einen Schauer über den Rücken.
„Dafür habt Ihr mich doch gerufen.“
Er trat hinaus in die Dämmerung, die Sonne war bereits hinter dem Horizont verschwunden und bald schon würden ihre letzten Strahlen erlöschen um die Nacht über das Land sinken zu lassen.
Veldig, sein treuer Begleiter folgte ihm durch die schmalen Gassen von Kraic über die sich eine bedrückende Stille gelegt hatte.
Die Schritte des Waidmanns hallten laut von den Häuserwänden wieder. Alle Fenster waren mit Brettern so dicht abgeschottet worden, dass kein Funken Kerzenschein mehr hinaus drang.
Als Fisk sein Ziel erreichte, hatte bereits die Dunkelheit alles rings herum verschluckt. Nur ein wenig Mondlicht fiel durch das Wolkendach, nicht genug um über die Hand vor seinen Augen hinaus zu blicken. Der Waidmann ließ sich auf einem Hügel nieder, der die Dächer von Kraic um wenige Meter überragte.
Der Hügel lag an der Grenze des Waldes die er am Nachmittag ausgespäht hatte. Niemand hatte ihm sagen können von wo genau die Bestien in die Stadt einfielen, daher hatte er diesen Platz auserwählt, um einen guten Überblick über die Straßen unter sich zu bekommen.
Veldig ließ sich auf seine Hinterläufe nieder und stellte seine Ohren vor Anspannung auf. Wie zu einer Statue erstarrt verharrte das Tier in vollkommener Ruhe, alles was sich bewegte waren seine Ohren die er zu allen Seiten ausrichten konnte.
Fisk nahm eines der kleinen Fläschchen welche in einem breiten Gurt steckten, den er sich über die Brust geschnallt hatte. Er schüttelte die dunkle Flüssigkeit bevor er den Korken hinaus zog. Mit nur einem Schluck stürzte er den Inhalt seine Kehle hinab und schloss die Augen.
Ein Schauer ging durch seinen Körper, er blinzelte einige Male, und als er seine Augen wieder aufriss, lag die Welt um ihn herum nicht mehr in Dunkelheit da.
Alles war deutlich zu erkennen. Die Schindeln auf den Häuserdächern, die Pflastersteine auf den Straßen, kleine Schneeflocken die hinab auf das Land rieselten.
Des Waidmanns Pupillen hatten sich zu schmalen Schlitzen verformt.
Mit einem Blick über die Schulter starrte er in das Dunkel des Waldes, er konnte die einzelnen Sträucher und die Stämme der Bäume gut erkennen, jedoch nichts außergewöhnliches.
In seinen Ohren aber, konnte er eine Veränderung im Gegensatz zum Tage deutlich ausmachen. Die Stille im Wald war verschwunden. Er hörte ein feines Rascheln in der Ferne und den Hall eines weit entfernten Wolfsgeheul. Das Leben schien in den Wald zurück gekehrt zu sein, der gute Jäger ahnte nicht, wie sehr er sich zu diesem Zeitpunkt irrte.
Er nahm seine Armbrust von der Befestigung an seinem Köcher und löste einen Mechanismus aus, der die beiden Wurfarme aufschnellen ließ. Langsam zog er einen Pfeil aus seinem Köcher und spannte ihn ein. Aus einem kleinen Lederbeutel zog er einen selbstgedrehten Kräuterstängel hinaus und zündete ihn mit einem Streichholz an. Weißer Rauch füllte seine Lungen.
Der Jäger war bereit.
Nur einen Wimpernschlag später drang ein bedrohliches Knurren aus der Kehle seines Begleiters.
Fisks Augen huschten umher, was war es dass ihm entgangen war, Veldig aber nicht.
Dann entdeckte er es. An der Nordseite des Dorfes löste sich etwas aus den Schatten der Bäume und tauchte ein in den Schutz der schmalen Gassen.
Fisk erhob sich und zog seine Handschuhe zurecht, ein dunkles Schmunzeln huschte über seine Züge. „Die Jagd beginnt.“